Der "Islamische Staat" ist zu schrecklichen Taten fähig, das war schon vor den Anschlägen von Paris bekannt. Dass aber Menschen, die hier groß geworden sind und in unserer Mitte leben, den Terror nach Europa gebracht haben, war wohl das eigentlich Schockierende an den Angriffen – verbunden mit der Erkenntnis: Die Staatsorgane mit ihren übergreifenden Überwachungsmöglichkeiten konnten es nicht verhindern. Eine Erklärung für dieses Versagen sind falsche Vorstellungen darüber, was Dschihadisten antreibt, wer also zu solchen Anschlägen fähig ist. Ohne klare Einsicht in die Beweggründe wird es nicht möglich sein, den Kreis potenzieller Täter einzuschränken oder ihre Radikalisierung frühzeitig zivilgesellschaftlich zu bekämpfen.

Was verschiedene Regierungen tun, um den Terror abzuwehren – von scharfen Asylregelungen für Syrer in den USA über die Intensivierung der Luftangriffe in Syrien bis zu diskriminierenden Präventionsstrategien wie dem britischen Prevent-Programm –, ist deshalb oft kontraproduktiv. Es wird die Situation eher noch verschlechtern und die öffentliche Sicherheit langfristig gefährden.

Im Kern ist der "Islamische Staat" (IS) eine strukturierte Organisation, mit einer Vision und einer Führungshierarchie. Die Spitze besteht vor allem aus ehemaligen Geheimdienst- und Militär-Offizieren des irakischen Regimes von Saddam Hussein, die nach dem Sieg der Amerikaner im Irak, enttäuscht und ohne Zukunftsperspektive, einen neuen Weg zum Machterhalt suchen. Es sind auch einige gläubige Fundamentalisten unter ihnen, die das Kalifat als Gottesstaat errichten wollen. Aus dem Irak haben sich dann auch, nach Jahren unter einer korrupten schiitisch dominierten Regierung, die offen die Sunniten diskriminiert, viele sunnitische Stämme dem IS angeschlossen – in der Hoffnung auf einen eigenen Staat ohne Fremdherrschaft. Es ist also kein Zufall, dass der IS die Schiiten als seine Erzfeinde sieht und nicht etwa den Westen (wie es bei Al-Kaida-Dschihadisten der Fall ist).

Ein gutes Verständnis davon, welche Ziele die Führungsriege des IS verfolgt (und der Dschihadismus allgemein), sagt aber wenig über die Beweggründe der Fußsoldaten aus. Dafür muss man sich direkt mit den jungen Menschen auseinandersetzen, die dem IS zu Tausenden folgen. Meine Kollegen am Centre for the Resolution of Intractable Conflict (CRIC, Universität Oxford) und ich haben viele befragt, die mit den Dschihadisten sympathisieren oder sich ihnen anschließen. Auch die internationale Forschungsgemeinschaft Artis, die Feldforschung in Krisengebieten betreibt, hat viele Erkenntnisse zusammengetragen. Die derzeitige Forschungslage deutet auf drei Grundtypen von IS-Kämpfern mit sehr unterschiedlichen Motivationen hin – die demnach auch völlig andere Herangehensweisen für die Bekämpfung und Prävention des islamistischen Terrorismus nahelegen.


Der erste Typus von Dschihadisten sind einheimische Kämpfer, die in den Gebieten, die der IS in Syrien und im Irak kontrolliert, zur lokalen Bevölkerung gehören. Diese Menschen haben unter schiitischen Regierungen gelebt, unter Assad in Syrien oder Nuri al-Maliki im Irak. Als Sunniten sind sie mit Diskriminierung und ohne Perspektive aufgewachsen. Die Mehrheit ist jung, viele haben ihre Jugend im schwelenden Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten verbracht, welcher der Invasion der USA im Irak folgte. Sie sind wütend auf ihre Regierungen und auf die Amerikaner, die sie als eine Ursache der chaotischen Zustände und der anhaltenden Gewalt sehen. Einer der IS-Kämpfer im Irak etwa berichtete uns: "Die Amerikaner kamen. Sie beseitigten Saddam, aber sie beseitigten auch unsere Sicherheit. Ich mochte Saddam nicht. Wir waren damals am Verhungern, aber wenigstens hatten wir keinen Krieg." Die Gespräche sind oft geprägt vom Frust über eine verlorene Jugend, über Ausgangssperren, über Flucht und Vertreibung, über den Verlust des Vaters oder anderer Angehöriger. Für diese jungen Menschen ist der IS die einzige Möglichkeit, ihre Würde wiederzuerlangen, dem vermeintlichen Feind entgegenzutreten oder sich zumindest zu rächen.

Terrorismus - Die Ziele des "Islamischen Staats" Welche Ziele verfolgt die Terrororganisation "Islamischer Staat" mit Anschlägen, zum Beispiel denen von Paris? Yassin Musharbash schätzt die Absichten des IS im Video ein.

Andere Einheimische schließen sich dem IS an, weil sie nicht anders können oder gezwungen werden. Viele haben Frauen und Kinder, aber keine Möglichkeit zum Broterwerb oder zur Flucht (zum Beispiel ins sichere Europa). Der IS ist für sie der einzige Weg, um ihre Familie ernähren zu können, denn er zahlt jedem Kämpfer einen festen monatlichen Sold, für Ehefrauen und Kinder gibt es zusätzlich Geld. Andere gehören zu den sunnitischen Stämmen, deren Stammesälteste sich strategisch dem IS angeschlossen haben und von ihren jungen Männern verlangen, in dessen Kampfeinheiten zu dienen. Natürlich gibt es auch diejenigen, die von den Dschihadisten in den von ihnen kontrollierten Gebieten "angeworben" werden – mit der Alternative einer sofortigen Hinrichtung.