Russlands Präsident Wladimir Putin während seiner Jahrespressekonferenz am 17. Dezember 2015 in Moskau © Sergei Karpukhin//Reuters

In der Debatte um Russland ist ein häufiges Argument der sogenannten Putinversteher, der Westen neige grundsätzlich zu Feindschaft und Ängsten gegenüber dem Land und dessen Tradition. Diese Anschuldigung verbindet sich meist mit dem Verweis auf die in Russland außergewöhnlich guten Beliebtheitswerte für Präsident Wladimir Putin und seine außenpolitischen Entscheidungen, wie die Annexion der Krim oder die Bombardierung Syriens.

Putin = russisches Volk?

Hohe Zustimmungsraten für Herrscher undemokratischer Systeme sind jedoch nichts Ungewöhnliches. Ist die Popularität Putins wirklich so hoch, wie es die Antworten suggerieren? Wer ist in einem vom Geheimdienst mitdominierten System bereit, auch in anonymen Umfragen seine politische Meinung offen auszudrücken? Und können sich die Russen wirklich plural, also aus verschiedenen Quellen informieren – und so ihre politischen Überzeugungen aufbauen?

Wer die politischen Nachrichtensendungen und Talkshows des russischen Staatsfernsehens verfolgt, weiß, mit welcher Emotionalität, Aggressivität und Absurdität die Fernsehpropagandisten des Kreml internationale Politik in antirussische Verschwörungen umdeuten. Fast alle Medien mit hoher Reichweite verbreiten dieselbe Mischung aus selektiver Berichterstattung, manipulierten Nachrichten und abstruser Paranoia.

Zwar kommen politische Oppositionelle, rechtschaffene Sozialwissenschaftler, ausländische Kremlkritiker und freidenkende Intellektuelle in Spätabendsendungen gelegentlich zu Wort. Ihre Präsenz dient jedoch lediglich als sorgfältig dosierte Dekoration. Nicht selten werden die gezielt ausgewählten "Dissidenten" in den Talkshows von den Kremlvertretern und Fernsehmoderatoren gemeinsam niedergeschrien oder gar öffentlich verleumdet und entwürdigt. Sie sind Statisten in einer Theatervorstellung mit vorgezeichneter Dramaturgie. Daher nehmen viele russische Oppositionelle und Intellektuelle nicht oder nur selten an den Scheindebatten des Staatsfernsehens teil.

Der KGB als Essenz des Russentums?

Auch aus historischer Sicht ist Respekt vor der heutigen Kremlführung fehlgeleitet. Die aktuelle russische Politik als Fortsetzung jahrhundertealter Traditionen zu begreifen, blendet den tragischen Verlauf der jüngsten russischen Geschichte und seine Auswirkungen auf das post- beziehungsweise neosowjetische Russland aus.

Es müsste den informierten Beobachter misstrauisch stimmen, wenn die heutige politische Führung Russlands sich als weltweiter Verteidiger von Familienwerten, Konservatismus und Religiosität präsentiert. Warum sollte ausgerechnet ein Land, das sich 70 Jahre lang mit der Unterdrückung, ja teils physischen Vernichtung seiner eigenen Kultur und Kirche beschäftigt hat, heute dazu berufen sein, andere Nationen über Traditionsbewusstsein zu belehren?  

Der radikale Antitraditionalismus der bolschewistischen Ideologie müsste eigentlich bedeuten, dass die nachsowjetische Gesellschaft noch für viele Jahre mit der Wiederentdeckung und Wiederbelebung ihrer eigenen historischen Traditionen beschäftigt ist. 

Radikaler Pragmatismus

Mehr noch: Einige der mächtigsten Männer der heutige Führung Russlands, wie Wladimir Putin, Sergej Iwanow und Igor Setschin, kommen aus jenem Staatsorgan der UdSSR, das jahrzehntelang die bolschewistische Unterdrückung russischer Kultur, Tradition, Religion und Wissenschaft in die Tat umsetzte. Der KGB war kein Geheimdienst im traditionellen Sinne, sondern der Kern des sowjetischen Repressionsapparates. Dieser verfolgte jegliches Freidenkertum in der Sowjetunion, darunter auch das russisch-nationale, sowie alle Kirchen, darunter auch die russisch-orthodoxe. Etliche der heutigen Herrscher Russlands bekämpften noch vor 30 Jahren hauptberuflich eben jene russischen nationalen Werte, Traditionen und Institutionen, zu deren kompromisslosen Verteidigern sie sich heute aufschwingen.

Das Leitmotiv der heutigen Kremlführung ist nicht wirklicher Nationalismus, sondern ein für Westeuropäer in seiner zynischen Prinzipienlosigkeit schwer nachvollziehbarer machtpolitischer Pragmatismus. Zur Regimesicherung setzt dieser weitgehend wertfreie Ansatz nationalistische Ideen ebenso wie internationalistische Grundsätze ein. Ohne mit der Wimper zu zucken, verweist er auf fundamental religiöse oder auch betont aufklärerische Motive. Er argumentiert häufig mit einem schrillen Moralismus, demonstriert in seinem Handeln jedoch einen kaltblütigen Amoralismus. Er beruft sich, je nach Situation, sowohl auf gesamtmenschliche Werte als auch auf ethnonationale Interessen. Er pocht manchmal auf die ganze historische Wahrheit und reklamiert ein anderes Mal das Recht auf selektives Geschichtsbewusstsein. 

Er sieht zwischen dem einstigen Wunsch nach einem Beitritt zur Nato und der heutigen Dämonisierung der Verteidigungsallianz keinen Widerspruch. Aktuelle EU-Standards können sowohl Leitbilder für Russland sein als auch Ausdruck von abstoßender westlicher Dekadenz. Russland erscheint mal als europäische Nation, mal als eurasische Zivilisation, mal als tieforthodoxes, mal als modern-progressives Land – wie es gerade passt und je nach Zweckdienlichkeit und Publikumspräferenz.