In der Debatte um Russland ist ein häufiges Argument der sogenannten Putinversteher, der Westen neige grundsätzlich zu Feindschaft und Ängsten gegenüber dem Land und dessen Tradition. Diese Anschuldigung verbindet sich meist mit dem Verweis auf die in Russland außergewöhnlich guten Beliebtheitswerte für Präsident Wladimir Putin und seine außenpolitischen Entscheidungen, wie die Annexion der Krim oder die Bombardierung Syriens.

Putin = russisches Volk?

Hohe Zustimmungsraten für Herrscher undemokratischer Systeme sind jedoch nichts Ungewöhnliches. Ist die Popularität Putins wirklich so hoch, wie es die Antworten suggerieren? Wer ist in einem vom Geheimdienst mitdominierten System bereit, auch in anonymen Umfragen seine politische Meinung offen auszudrücken? Und können sich die Russen wirklich plural, also aus verschiedenen Quellen informieren – und so ihre politischen Überzeugungen aufbauen?

Wer die politischen Nachrichtensendungen und Talkshows des russischen Staatsfernsehens verfolgt, weiß, mit welcher Emotionalität, Aggressivität und Absurdität die Fernsehpropagandisten des Kreml internationale Politik in antirussische Verschwörungen umdeuten. Fast alle Medien mit hoher Reichweite verbreiten dieselbe Mischung aus selektiver Berichterstattung, manipulierten Nachrichten und abstruser Paranoia.

Zwar kommen politische Oppositionelle, rechtschaffene Sozialwissenschaftler, ausländische Kremlkritiker und freidenkende Intellektuelle in Spätabendsendungen gelegentlich zu Wort. Ihre Präsenz dient jedoch lediglich als sorgfältig dosierte Dekoration. Nicht selten werden die gezielt ausgewählten "Dissidenten" in den Talkshows von den Kremlvertretern und Fernsehmoderatoren gemeinsam niedergeschrien oder gar öffentlich verleumdet und entwürdigt. Sie sind Statisten in einer Theatervorstellung mit vorgezeichneter Dramaturgie. Daher nehmen viele russische Oppositionelle und Intellektuelle nicht oder nur selten an den Scheindebatten des Staatsfernsehens teil.

Der KGB als Essenz des Russentums?

Auch aus historischer Sicht ist Respekt vor der heutigen Kremlführung fehlgeleitet. Die aktuelle russische Politik als Fortsetzung jahrhundertealter Traditionen zu begreifen, blendet den tragischen Verlauf der jüngsten russischen Geschichte und seine Auswirkungen auf das post- beziehungsweise neosowjetische Russland aus.

Es müsste den informierten Beobachter misstrauisch stimmen, wenn die heutige politische Führung Russlands sich als weltweiter Verteidiger von Familienwerten, Konservatismus und Religiosität präsentiert. Warum sollte ausgerechnet ein Land, das sich 70 Jahre lang mit der Unterdrückung, ja teils physischen Vernichtung seiner eigenen Kultur und Kirche beschäftigt hat, heute dazu berufen sein, andere Nationen über Traditionsbewusstsein zu belehren?  

Der radikale Antitraditionalismus der bolschewistischen Ideologie müsste eigentlich bedeuten, dass die nachsowjetische Gesellschaft noch für viele Jahre mit der Wiederentdeckung und Wiederbelebung ihrer eigenen historischen Traditionen beschäftigt ist. 

Radikaler Pragmatismus

Mehr noch: Einige der mächtigsten Männer der heutige Führung Russlands, wie Wladimir Putin, Sergej Iwanow und Igor Setschin, kommen aus jenem Staatsorgan der UdSSR, das jahrzehntelang die bolschewistische Unterdrückung russischer Kultur, Tradition, Religion und Wissenschaft in die Tat umsetzte. Der KGB war kein Geheimdienst im traditionellen Sinne, sondern der Kern des sowjetischen Repressionsapparates. Dieser verfolgte jegliches Freidenkertum in der Sowjetunion, darunter auch das russisch-nationale, sowie alle Kirchen, darunter auch die russisch-orthodoxe. Etliche der heutigen Herrscher Russlands bekämpften noch vor 30 Jahren hauptberuflich eben jene russischen nationalen Werte, Traditionen und Institutionen, zu deren kompromisslosen Verteidigern sie sich heute aufschwingen.

Das Leitmotiv der heutigen Kremlführung ist nicht wirklicher Nationalismus, sondern ein für Westeuropäer in seiner zynischen Prinzipienlosigkeit schwer nachvollziehbarer machtpolitischer Pragmatismus. Zur Regimesicherung setzt dieser weitgehend wertfreie Ansatz nationalistische Ideen ebenso wie internationalistische Grundsätze ein. Ohne mit der Wimper zu zucken, verweist er auf fundamental religiöse oder auch betont aufklärerische Motive. Er argumentiert häufig mit einem schrillen Moralismus, demonstriert in seinem Handeln jedoch einen kaltblütigen Amoralismus. Er beruft sich, je nach Situation, sowohl auf gesamtmenschliche Werte als auch auf ethnonationale Interessen. Er pocht manchmal auf die ganze historische Wahrheit und reklamiert ein anderes Mal das Recht auf selektives Geschichtsbewusstsein. 

Er sieht zwischen dem einstigen Wunsch nach einem Beitritt zur Nato und der heutigen Dämonisierung der Verteidigungsallianz keinen Widerspruch. Aktuelle EU-Standards können sowohl Leitbilder für Russland sein als auch Ausdruck von abstoßender westlicher Dekadenz. Russland erscheint mal als europäische Nation, mal als eurasische Zivilisation, mal als tieforthodoxes, mal als modern-progressives Land – wie es gerade passt und je nach Zweckdienlichkeit und Publikumspräferenz.

Russland manövriert sich in eine politische Sackgasse

Referenzpunkte für die Bewertung des heutigen Verhaltens der russischen Führung sollte weniger die russische Geschichte oder die Literatur sein, sondern Deutschlands Erfahrungen mit der Stasi. Neosowjetischer Zweckrationalismus, Personalismus sowie Werterelativismus sind die entscheidenden Triebkräfte außenpolitischen Handelns. Das gilt für die Abenteuer der Kremlführung in Moldau, Georgien, der Ukraine oder Syrien. Wer dahinter nur Neoimperialismus oder gar russische Existenzangst im Angesicht westlicher Expansion sieht, unterschätzt die intellektuellen Fähigkeiten von Putin und seinen Leuten. 

Die Demokratie in der Ukraine muss scheitern

Das Hegemonialstreben im postsowjetischen Raum wird vom Kreml zwar sowohl gegenüber der russischen als auch internationalen Öffentlichkeit mit patriotischen Formeln, also mit den angeblichen geostrategischen, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interessen des vorgeblich vom Westen bedrängten Russlands begründet. Putin & Co. sind jedoch keine Paranoiker und wissen genau um die Unangreifbarkeit der russischen nuklearen Supermacht.

Russland ist also allenfalls teilweise eine überreagierende Exsupermacht, die von postimperialen Phantomschmerzen geplagt wird, und keinesfalls ein bemitleidenswerter Underdog in einer amerikanisch dominierten Globalpolitik. Der Kreml verteidigt in der Ukraine keine missverstandenen nationalen Interessen, sondern die durchaus reflektierten Privatinteressen seiner Machthaber. Das ukrainische Demokratiemodell muss scheitern, könnte doch sein Erfolg die Russen auf den Gedanken bringen, Ähnliches in Moskau zu versuchen.

Was Russland wirklich bräuchte

Schlimmer: Die heutige Kremlführung verletzt mit ihrem außenpolitischen Vabanquespiel im Donbass und in Syrien langfristige nationale Kerninteressen Russlands, etwa was die Beziehungen Moskaus zum Brudervolk der Ukrainer oder zur arabischen Welt angeht. Die damit einhergehende Entfremdung Russlands von seinen westlichen – insbesondere europäischen und nicht zuletzt deutschen – politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Partnern berührt russische strategische Zukunftsfragen. Russland braucht keine Eurasische (Korruptions-)Wirtschaftsunion, sondern die EU als Handels-, Investitions- und Modernisierungspartner. Es leidet in seinen Beziehungen zum zunehmend selbstbewussten China unter der neuen Kühle des Westens, die sich China geschickt zunutze macht, um russische Rohstoffe zu Billigpreisen zu bekommen.

Die selbstverschuldete politische und ökonomische Isolation sowie militärische Überdehnung der zweitklassigen Industriemacht Russland verheißt nichts Gutes. So rüstet sich das Land hoch und pflegt seine Bedrohungserzählung. Wer für all diese Fehlentwicklungen in Russland "Verständnis" aufbringt, hat offenbar wenig Mitgefühl mit dessen Bewohnern und interessiert sich nicht wirklich für die Zukunft des Landes.

Russlandfeinde und Russlandfreunde

Wer Putin kritisiert, ist also nicht unbedingt Russlandfeind. So wie die ehemaligen KGB-Peiniger Russland heute Patriotismus vorschieben, um ihre familistischen Korruptionsnetzwerke aufrechtzuerhalten, so instrumentalisieren die Putinversteher eine angebliche Russlandsympathie für andere innenpolitische oder gar privatwirtschaftliche Zwecke. Mit jeder neuen autoritären Welle und jedem zusätzlichen außenpolitischen Abenteuer des Kreml manövriert sich Russland tiefer in eine historische Sackgasse – ein Entwicklungspfad, den wirkliche Russlandversteher schon vor Jahren hätten ausmachen können.

Putins Einladung in den Bundestag von 2001, Nord Stream und andere deutsch-russische Großprojekte, die strategischen und Modernisierungspartnerschaften der EU in Russland, westliche Direktinvestitionen in die russische Wirtschaft oder russisch-europäische Städtepartnerschaften haben in den vergangenen 15 Jahren nichts am Abgleiten Russlands in eine weltpolitische Parallelwelt ändern können. Vielmehr hat die Kumpanei etlicher europäischer Politiker mit Putin und die verhaltene westliche Reaktion auf die andauernde russische Okkupation Transnistriens, Abchasiens und Südossetiens den Kreml in seinem Glauben bestärkt, er genieße Sonderrechte im postsowjetischen Raum.

Nach dem Ukraine-Desaster steht die sogenannte neue Ostpolitik Schröderscher Manier vor einem Scherbenhaufen. Die bis vor Kurzem in deutschen Medien dominierenden und weiter auf dem deutschen Buchmarkt präsenten Putinversteher haben ihren Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet. Die aufgeklärteren Kinder und Kindeskinder der heutigen Russen werden den Russlandverstehern für dieses Verständnis nicht dankbar sein.