Massenvernichtungswaffen haben es Wladimir Schirinowski besonders angetan. Eine künstliche Überschwemmung, ausgelöst zum Beispiel durch eine russische Atombombe, schwemmt den Feind und seine Städte einfach davon. Jüngst drohte der Politiker der Türkei mit einem solchen Szenario, ganz offen von der Rednerbühne im russischen Parlament. Schirinowski, der in westlichen Medien meist als Ultranationalist und Chef der pseudooppositionellen liberal-demokratischen Partei LDPR bezeichnet wird, ist übrigens auch Vizepräsident der russischen Staatsduma.

Das hält ihn keineswegs davon ab, fast im Wochentakt perfide Vernichtungspläne für Russlands Nachbarn zu präsentieren. So schlug er etwa vor, die baltischen Staaten mit einer Kette radioaktiver Müllhalden zu umzingeln. Seinen bisher drastischsten Auftritt hatte er aber schon 2002 im Irak, kurz vor Beginn der US-Offensive. Sturzbetrunken sagte er vor russischen Kameras, Russland könnte das Gravitationsfeld der Erde so ändern, dass Amerika in Fluten untergehen würde. Obendrein drohte er der damaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice, sie würde im Sperma russischer Soldaten ertrinken. Dem damaligen Duma-Vorsitzenden Gennadij Selesnjow war dieser Auftritt dermaßen peinlich, dass er Journalisten bat, Schirinowski nur noch als Vorsitzenden seiner Partei zu bezeichnen und nicht mehr als seinen Stellvertreter.

Grotesker Mainstream

Heute befindet sich der LDPR-Chef mit seinen grotesken Äußerungen in einer Art Mainstream. Schirinowski mag klingen wie ein Extremist, allein auf weiter Flur ist er nicht. Er ist nur noch ein Teil der öffentlichen Politik. Die wird von der russischen Gesellschaft überwiegend als großer, unnützer Zirkus wahrgenommen.

Da wäre zum Beispiel der für die Rüstungsindustrie verantwortliche Vizepremier Dmitri Rogosin. Als Rumänien seinen Luftraum für dessen Flugzeug sperrte, kündigte er an, das nächste Mal mit einem Bomber fliegen zu wollen. Ein anderer fleißiger Interviewgeber ist der Sekretär des Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew. Er führt stets ein ausgedachtes Zitat der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright an, die angeblich gesagt haben soll, Russland herrsche zu Unrecht über so viel ressourcenreiches Territorium. Das, so folgert Patruschew, belege, dass die Amerikaner Russland am liebsten von der Weltkarte tilgen würden.

Die Reihe ließe sich fast beliebig fortsetzen. Hohe Posten in Parlament, Regierung, Justiz oder dem Sicherheitsapparat halten Russlands Politiker nicht davon ab, mit Massenvernichtungswaffen zu drohen oder offensichtliche Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Geht man davon aus, dass in einem funktionierenden System Personen nicht nur für sich, sondern auch für die Institutionen, die sie repräsentieren, sprechen, klingt Russland oft wie ein Hasardeur. Dieses Problem ist auch Präsident Wladimir Putin nicht entgangen. In seinem letzten Wahlkampf 2012 verurteilte er in einem Artikel für die angesehene Zeitung Kommersant den allgegenwärtigen Populismus. Russland brauche keine Kirmes-Politik, schrieb der damalige Regierungschef, "die Demokratie darf nicht zu einer Show verkommen, wo Inhalte durch provokante Äußerungen verdrängt werden."