Die moderne Geschichte des Nahen Ostens ist voll mit verschrotteten panarabischen Verbrüderungs- und Allianzprojekten. Seit Jahrzehnten amüsiert die Arabische Liga mit ihrem Dauerstreit mehr, als dass sie überzeugt. Alle Anläufe zu Kooperationen wurden erst mit großem Pomp verkündet, um schon kurz danach in Streit, Drohungen und Chaos zu verschwinden.

Zuletzt war es so bei der multinationalen arabischen Armee gegen den Terror, im März in Scharm Al-Scheich ausgerufen durch Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sissi, um die angereisten ausländischen Gäste der Investorenkonferenz zu beeindrucken. Nach einigen Runden Gezänk zwischen den Generalstäben wurde das Projekt bereits im September abgeblasen, weil sich simpelste Fragen der Zusammenarbeit nicht klären ließen.

Nun also der zweite Anlauf 2015, die vom saudischen Vizekronprinzen Mohammed bin Salman in Riad auf einer mitternächtlichen Pressekonferenz vorgestellte islamische Anti-Terror-Allianz. Man hätte schon stutzig werden können, als der forsche Königssohn gegen Ende seines Auftritts in einem Nebensatz die Bemerkung fallen ließ, noch nicht alle 34 Staaten hätten ihre Teilnahme rechtlich bindend erklärt, seien aber so scharf auf ein Mitmachen bei dem neuen Militärbündnis, dass sie kein Problem damit hätten, dass er, der saudische Prinz, es nun schon mal verkünde.

Danach aber flüchtete sich der saudische Außenminister Adel al-Jubeir, von seinen westlichen Kollegen neugierig befragt, in vage Formulierungen wie: Alles liege auf dem Tisch und der Einsatz von Bodentruppen gegen Extremisten sei nicht ausgeschlossen. Er war ganz offenbar völlig ratlos über die Pläne seines Vizekronprinzen.

Keine 48 Stunden später ist von dem panislamischen Kampfbündnis praktisch nichts mehr übrig – außer dem lautstarken Applaus für Saudi-Arabien aus Ägypten. Das aber hat ganz eigene Motive: Das Militärregime in Kairo wartet ungeduldig auf die nächste Dollar-Finanzspritze von eben jenen Saudis.

Pakistan, Malaysia und Libanon winkten ab. Indonesien ließ mitteilen, es wolle nicht mit einem Militärprojekt in Verbindung gebracht werden. Auch aus dem Tschad und Mali kamen Zweifel. Pakistans Außenminister wunderte sich öffentlich, er habe von der Rolle seines Landes erst aus den Medien erfahren. Oman, Algerien und Afghanistan waren von Anfang an nicht dabei. Und der Iran sowie Syrien und Irak, wo der "Islamische Staat" beträchtliche Teile des Territoriums beherrscht, wurden als schiitisch dominierte Nationen von den sunnitischen Saudis gar nicht erst gefragt.

Der politischen Klasse fehlt der lange Atem

Einmal mehr gefällt sich der Mittlere Osten in bombastischen Fensterreden. Seiner autoritären, politischen Klasse fehlen der lange Atem und die Fähigkeit zu Kooperation. Sie hat sich in der Haltung eingerichtet: Es reicht, wenn man zum Auftakt groß tönt, dann erübrigt sich jede notwendige mühevolle Klein- und Kompromissarbeit von selbst.

Bei seiner amateurhaften Hals-über-Kopf-Aktion geht es dem 30-jährigen Vizekronprinzen vor allem darum, sich selbst aus der Schusslinie internationaler Kritik zu bringen und das angekratzte Image seines Landes aufzupolieren. Beide Attentäter des Massakers im kalifornischen San Bernardino mit 14 Toten lebten einige Zeit in Saudi-Arabien. Im Jemen stärkt die katastrophale Interventionspolitik des saudischen Königshauses die Terrorgruppen mehr als je zuvor. An der westlich-arabischen Luftallianz gegen den "Islamischen Staat" über Syrien und Irak beteiligt sich Saudi-Arabien seit Monaten nicht mehr. Und ob die Geldströme des wohlhabenden Öl-Adels und einflussreicher religiöser Stiftungen zu den Extremisten wirklich gestoppt sind, daran gibt es nach wie vor Zweifel.

So ist das neue saudische Bündnis nur eine Geisterallianz. Sie belegt einmal mehr die politische Unkultur leerer Ankündigungen in der arabischen Welt. Und sie sagt nichts aus über den tatsächlichen Willen, Terrorismus und Radikale im eigenen Haus effektiv zu bekämpfen.