Wladimir Putin hat den Zerfall seiner geliebten Sowjetunion als Demütigung empfunden und will ihn mit den Mitteln des Krieges überwinden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan fühlte sich von der eigenen Bevölkerung gedemütigt, weil sie ihm bei den Wahlen im Juni dieses Jahres die absolute Mehrheit verweigerte, daraufhin erklärte er den Kurden den Krieg.

Frankreich sieht sich von den Terroristen bloßgestellt, die mitten in Paris ein abscheuliches Verbrechen begangen haben, und hat dem "Islamischen Staat" den Krieg erklärt. Deutschland folgt dem Bündnispartner in den Krieg. Die USA haben die Attentate vom 11. September 2001 als Demütigung erlebt und haben daraufhin in Afghanistan interveniert und etwas später den Irak überfallen – nach dem Anschlag von San Bernardino vom vergangenen Freitag sind zumindest die Republikaner wegen der erlittenen Schmach wieder in kriegerischer Stimmung.

Unter den selbst ernannten Gedemütigten dieser Welt sind die Terroristen des "Islamischen Staates" jene, die sich am schlimmsten von allen behandelt fühlen. Ihr pubertäres Ego ist so groß, dass ihnen die bestehende Welt wie eine Zwangsweste erscheint. Daraus leiten Sie das Recht zur besonderen Grausamkeit ab.

Man sollte ein Spendenkonto einrichten, damit die Vereinten Nationen ein Heer von Psychologen finanzieren, die weltweit all jene betreuen, die sich gedemütigt fühlen und deswegen zu politischer Gewalt greifen. "Wir verstehen ihren Seelenzustand. Doch sie müssen nicht gleich um sich schlagen. Es gibt andere Wege, um ihren verletzten Gefühlen Ausdruck zu geben." So könnte die Botschaft der Psychologen lauten. Nur, sie würde nichts helfen.

Längst schon gibt es eine machtvolle Internationale der Beleidigten (IdB). Sie hat Millionen Anhänger. Die IdB weiß, wie man die Massen anstachelt und aufhetzt, wie man sie in Angst und Schrecken versetzt. Die IdB entfesselt die dunklen Leidenschaften der Menschen.

Von Angst, Zorn und Hass getrieben

Wir laufen Gefahr, bald vollständig vom Ressentiment, der Angst, dem Zorn, dem Hass und dem Rachedurst beherrscht zu werden. Die internationale Politik wird von diesen sinistren Gefühlen bereits getrieben und geprägt. Das ist offensichtlich. Wir leben also in sehr nervösen, sehr unberechenbaren Zeiten.

Wo sind die Kräfte, wo die Institutionen, wo die Parteien, die diese dunklen Passionen bändigen? Wir brauchen sie dringend. Vielleicht meint der eine oder andere Leser, das hier sei pure Übertreibung, denn schließlich folgten Menschen ihren Interessen und die seien nun einmal berechenbar. Doch das ist eine Selbsttäuschung. "Menschen opfern ihre Leidenschaften nicht für ihre Interessen. Wer das glaubt, hat unser Jahrhundert nicht verstanden!"

Das schrieb der große französische politische Publizist Raymond Aron. Er meinte das 20. Jahrhundert. Das Jahrhundert, in dem Europa in Trümmer fiel. Unser 21. Jahrhundert begann mit den Attentaten vom 11. September 2001. Es begann also im Zeichen zerstörerischer, todbringender Leidenschaften. Und sie haben sich bis zum heutigen Tage nicht abgekühlt, sondern sich weiter erhitzt.