Zwei Tage. Zwei volle Tage saß Serhij in seinem Auto, um eine Strecke von 40 Kilometern zurückzulegen. Um von Kurachowe nach Donezk zu kommen. Kurachowe liegt in der Ostukraine, Donezk auch. Kurachowe ist unter ukrainischer Kontrolle, Donezk in der Hand der Separatisten. Dazwischen verläuft mittlerweile eine Grenze, die so streng bewacht sein dürfte wie die Außengrenze der EU. Oft hieß es aus Kiew, der von Separatisten besetzte Donbass sei Teil der Ukraine. Man fragt sich, ob das noch Realität ist oder schon Wunschdenken.

Wer wie Serhij den Checkpoint hinter Kurachowe passieren will, braucht einen elektronischen Propusk, eine Erlaubnis. Wartezeit: zwei bis drei Wochen, mit Schmiergeld geht es schneller. Dann erst darf man die Grenze, die eigentlich keine ist, passieren – wenn alles gut läuft. Autos reihen sich in kilometerlangen Schlangen aneinander. Ukrainische Soldaten sammeln die Pässe ein, verschwinden in ihrem Containern, geben in ihre Computer die Passnummer ein und auf dem Schirm erscheint: Tak (ja) oder Ni (nein). Manchmal – selten – geht es schnell, manchmal wartet man zwei oder gar drei Tage, bis man passieren darf; um acht Uhr morgens öffnen die Checkpoints, um fünf Uhr nachmittags schließen sie wieder. Glücklich, wer an einem der wenigen Checkpoints steht, an dem die Organisation Ärzte ohne Grenzen einen medizinischen Versorgungspunkt aufgebaut hat.

Politisch verständlich, und dennoch schädlich

Nie zuvor war die Ukraine in einer solchen Situation: in Teilen annektiert und in einem Krieg, der mehr als 9.000 Menschen das Leben gekostet hat und immer noch nicht vorbei ist. Im Minsker Friedensprozess steckengeblieben und aus den Schlagzeilen verdrängt, suchen die Ukrainer nach einer politischen Strategie und setzen auf Isolation. Ihr wollt also zu Russland gehören? Dann seht zu, wie ihr klar kommt!, so die Überlegung. Krimtataren, die seit der Annexion der Krim am stärksten unter Schikanen und Repressionen leiden, haben für Transporte die Zufahrt auf die Halbinsel blockiert; die gesprengten Stromleitungen sind nur zum Teil repariert, die Halbinsel zum großen Teil noch immer ohne Elektrizität. Und der Donbass: ist seit Längerem schon faktisch abgeschnitten.

Politisch mag diese Haltung sogar nachvollziehbar sein. Und doch schadet sie vor allem der Ukraine selbst.  

Im Donbass schlägt die Stunde der Schmuggler. Unternehmen können theoretisch eine Erlaubnis beantragen, um Waren ins besetzte Gebiet zu liefern, aber das Prozedere ist extrem bürokratisch und reglementiert. 50.000 Hrywnja, etwa 2.000 US-Dollar, koste es, einen Truck mit Lebensmitteln rüberzufahren, erzählt ein Schmuggler. Auch Kohlelieferungen aus dem besetzen Donbass erreichen dank dubioser Deals weiterhin die Ukraine. Im Übrigen, sagt der Schmuggler, seien die Zollbeamten am korruptesten, die nun an jedem Checkpoint neben den Soldaten ihren Dienst erledigen. Während also in Kiew wortreich der Korruption der Kampf erklärt wird, wird sie nahe Kurachowe befeuert.


Es sind nicht die einzigen Widersprüche. Einerseits setzt Kiew auf Isolation, andererseits wurde viel Geld für "Transitmärkte" ausgegeben: Im Grenzgebiet, nahe der ukrainischen Checkpoints, hat die Regierung Märkte für die Bewohner des besetzten Donbass geschaffen. Dort können sie Obst, Fleisch, Medikamente kaufen. Sie werden zu ukrainischen Preisen verkauft und sind sehr viel billiger als in Donezk, wo nun mit Rubel gezahlt wird. Im Sommer kamen täglich mehr als hundert Menschen aus dem besetzten Horliwka oder aus Donezk angefahren, erzählt eine Verkäuferin, kauften ein und fuhren wieder zurück. Jetzt komme kaum jemand. Bald müssten sie ihre Stände schließen. Warum niemand mehr komme? Weil die ukrainischen Soldaten offenbar wieder den Weg blockieren – der dafür geschaffen wurde, damit die Leute zügig auf den Transitmarkt und wieder zurück können.

Nicht, dass die Isolation allein von Kiew ausgeht. Skrupellos isolieren die Separatisten die Bevölkerung, schmeißen Hilfsorganisationen raus, bringen Bewohner um humanitäre Hilfe. Ärzte ohne Grenzen mussten ihre langjährige Tuberkulose-Behandlung im Gefängnis von Donezk abbrechen. Das aber kann nicht der Maßstab sein, an dem die Ukraine ihre Politik misst.

Wie also um die Bevölkerung des Donbass' kämpfen, wie sie nach einem zehrenden Krieg davon überzeugen, dass sie zur Ukraine gehört? An dieser Stelle ein Satz, den Journalisten selten schreiben: Ich weiß es nicht. Jedes Handeln zeitigt Konsequenzen, jedes Nichthandeln auch. Wer allerdings zwei Tage an einem Checkpoint steht, um seine alte Mutter zu besuchen; wer im Dunkeln sitzt und friert, der wird irgendwann anfangen, das Land zu verfluchen, das ihm dies antut.

Liebe Leser, die Fünf vor 8:00-Kolumne geht hiermit in die Weihnachtspause. Die nächste Kolumne erscheint am 4. Januar 2016.