Das Dorf Kominternowa liegt in einer "grauen Zone" zwischen den Fronten. © Sebastian Bolesch

Sieben Tage lag der tote Körper von Iwan daheim, seine Frau konnte ihn nicht bestatten: Es gibt keine Leichenhalle in dem ukrainischen Dorf, in dem er gelebt hat. Iwan war auf eine Wurfmine getreten. Am Ende starb er, auch weil kein Arzt in der Nähe war. Es gibt hier keinen mehr, auch keinen Rettungswagen und keine Polizei. Niemand stellte einen Totenschein aus, weil niemand mehr da ist, der das könnte. Sie haben ihn schließlich in ein Auto des Nachbarn gelegt und nach Mariupol gefahren. Dort liegt Iwan nun begraben. Oder die Frau, der es auf einmal sehr schlecht ging – sie riefen eine Ambulanz, aber sie kam nicht. Die Frau musste liegen. Die Nachbarn warteten stundenlang, bis sie die Frau selbst in ein Krankenhaus in Mariupol fuhren. Dort starb sie – vermutlich am Herzinfarkt. Sie hinterlässt fünf Kinder.

Wenn ein frozen conflict, ein gefrorener Konflikt, als bestes aller schlechten Szenarien für die Ukraine gilt, dann bedeutet das für manche Menschen ein Leben wie in dem Dorf Kominternowe, das in einer grauen Zone liegt. So heißen Gebiete, die unter keiner besonderen Kontrolle stehen. Sie sind eingekeilt zwischen den Fronten. Zweimal, im September 2014 und Februar 2015, wurde in Minsk über eine Waffenruhe für die Ostukraine verhandelt. Und zweimal wurden dabei auch Frontverläufe festgelegt – zwischen all den Dörfern, die damit auf einmal zu einer inoffiziellen Pufferzone wurden. Für die Einwohner von Kominternowe etwa heißt das: Nowoasowsk bleibt unter dem Einfluss der Separatisten, Mariupol unter dem der Ukrainer und dazwischen liegt, neutral, ihr Dorf. Ein Überbleibsel machtpolitischer Auseinandersetzungen.

Ein Leben in der grauen Zone ist ein Leben in permanenter Unsicherheit. Man kann beispielsweise nur dann den ukrainischen Checkpoint passieren und das Dorf verlassen, wenn man vorher bei der ukrainischen Armee einen Antrag gestellt hat. Solch ein Leben bedeutet auch, an einem Tag von der einen, am Tag darauf von der anderen Seite "besucht" zu werden. Bis man eines Tages nicht mehr in einer neutralen Zone aufwacht, sondern auf einer Seite der Front.

Erst der Vorfall, dann die Propagandaschlacht

So wie am vergangenen Dienstag, als prorussische Separatisten aus der Donezker Region im Morgengrauen Kominternowe einnahmen. Seitdem tobt die übliche Propagandaschlacht: Die Separatisten dementieren, das Dorf eingenommen zu haben. Die ukrainische Seite hingegen behauptet, eine russische Aufklärungseinheit sei vor Ort, Panzer und schwere Artillerie seien in das Dorf gebracht worden. Man zwinge die Bewohner in die Keller, Telefongespräche seien nicht möglich.

Anrufe bei einigen Bewohnern des Dorfes am Tag darauf. Die Leitung ist nicht gut, aber immerhin: Sie steht. Eine Frau sagt, sie hätte versucht, Kominternowe zu verlassen, doch weder am Checkpoint der Separatisten noch an dem der Ukrainer sei sie durchgelassen worden. Sie und andere fürchten nun, in dem Dorf faktisch gefangen zu sein und nicht raus zu können, falls gekämpft werde.

Zwei andere Bewohner, Dmitrij und Oleg, sagen, dass die Separatisten mit Schützenpanzern in das Dorf gekommen seien. Geschossen hätten sie nicht. "Sie tun rein gar nichts", sagt Dmitrij. Liefen im Dorf umher, suchten leerstehende Häuser zum Wohnen, ließen die Bewohner aber in Ruhe und seien höflich. Schwere Artillerie oder Kriegstechnik haben Dmitrij und Oleg nicht gesehen. Wie viele Schützenpanzer es seien, wie viele Bewaffnete, das können sie nicht sagen. Ob eine russische Einheit dabei sei, wie ein Nachbar in einem ukrainischen Medium zitiert wurde, auch nicht. Die Situation sei ruhig, allerdings hätten viele Angst, dass ihr Dorf wieder zum Kriegsschauplatz werden könnte – wie im Spätsommer 2014. Damals haben die meisten der rund 1.000 Bewohner Kominternowe verlassen. Heute leben nur noch etwa 260 Menschen in dem Dorf: Alte, Gebrechliche, Arme, jene, die nicht weg konnten.