In einem der umkämpften Vororte von Damaskus © Abd Doumany/AFP/Getty Images

Wie torpediert man am besten einen Friedensprozess? Ganz einfach: Man erklärt sich zu Verhandlungen bereit – und bringt gleichzeitig die wichtigsten Gesprächspartner um. Am besten zu einem Zeitpunkt, da ein Großteil der Weltöffentlichkeit mit etwas anderem beschäftigt ist. Zum Beispiel mit Weihnachten.

Am vergangenen Freitag wurde der syrische Rebellenführer Sahran Allusch zusammen mit mehreren anderen Kommandanten durch einen Luftangriff auf das östliche Ghuta getötet, einem Vorortgürtel von Damaskus. Die syrische Armee behauptete, den Einsatz geflogen zu haben, lokale Aktivisten aber machten die in Syrien operierenden russischen Kampfbomber verantwortlich. Aus wessen Flugzeug die Raketen abgefeuert wurden, ist zunächst sekundär. Klar ist: Der syrische Friedensprozess wird bereits sabotiert, bevor er überhaupt richtig begonnen hat.

Friedensprozess? Das Wort durfte man in den vergangenen Wochen tatsächlich wieder gebrauchen, ohne sich völlig lächerlich zu machen. Es ist keine zwei Monate her, da hatten sich in Wien sämtliche Interventionsmächte des Syrienkriegs auf den Beginn von Gesprächen zwischen Regime und dessen Gegnern verständigt. Der Fahrplan: erste Verhandlungen im Januar, ein Waffenstillstand und eine Übergangsregierung bis Juni 2016.

Anwesend waren in Wien die Noch-Supermacht USA, die in Syrien den IS bekämpft, und die Möchtegern-Supermacht Russland, die seit September das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad mit Luftangriffen unterstützt. Anwesend waren außer Anrainerstaaten, UN-Vertretern und europäischen Außenministern auch die beiden Erzfeinde Saudi-Arabien und Iran, die auf syrischem Boden ihren Kampf um regionale Vorherrschaft austragen.

Über das Schicksal von Syriens Diktator Assad verlor weder in Wien noch kurz darauf bei der Verabschiedung einer entsprechenden UN-Resolution in New York irgendjemand ein Wort. Aber den Fahrplan als solchen konnte man als positives Signal interpretieren, zumal sich wenige Wochen später in der saudischen Hauptstadt Riad die notorisch zerstrittenen syrischen Regimegegner auf ein Verhandlungskomitee und eine gemeinsame politische Linie verständigten: territoriale Unversehrtheit des Landes, religiöser Pluralismus, demokratische Wahlen und eine Übergangsregierung ohne Assad.

Von den Gesprächen in Riad ausgeschlossen waren – logischerweise – der "Islamische Staat" sowie die mit Al-Kaida verbündete Al-Nusra-Front. Mit dabei waren zivile Gruppen, nationalistische wie auch mächtige islamistische Rebellengruppen. Darunter Dschaisch al-Islam, die "Armee des Islams".

Deren Anführer war der jetzt getötete Sahran Allusch. Dass Allusch die Erklärung von Riad mittrug, galt Syrien-Experten erstens als Erfolg Saudi-Arabiens und zweitens als wichtiges Indiz für einen möglichen Fortschritt bei den Gesprächen im Januar. Ob die nun überhaupt beginnen werden, ist unklar. Denn Alluschs Verhandlungsbereitschaft war offenbar auch sein Todesurteil. Und sein Tod könnte den mühsam errungenen Zusammenhalt der Rebellen gleich wieder beenden.

Keine Kerzen spenden für Allusch

Allusch, Sohn eines salafistischen Predigers, saß im Gefängnis, als die Syrer sich 2011 gegen die Diktatur von Assad erhoben. Er wurde kurze Zeit später per Amnestie zusammen mit anderen politischen Häftlingen, darunter vielen militanten Islamisten, entlassen. Assad-Gegner interpretierten das von Beginn an als Schachzug des Regimes, um jenen religiösen Extremismus zu befördern, den Assad heute als Terrorismus zu bekämpfen vorgibt.

Mit Geld und Waffen aus Saudi-Arabien sowie geschätzten 20.000 Kämpfern etablierte sich Sahran Allusch 2013 als oberster Kriegsherr in der östlichen Ghuta. Das Regime bekämpfte er ebenso skrupellos wie den IS. Auf sein Konto gehen Artillerieangriffe auf Wohngebiete in der Hauptstadt mit vielen Toten, die auf Video aufgezeichnete Hinrichtung von 18 Gefangenen des "Islamischen Staates", der Missbrauch von Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Außerdem stand er im Verdacht, 2013 die Entführung von vier Ikonen der zivilen Regimegegner angeordnet oder zumindest zugelassen zu haben. Von den Opfern, darunter die Rechtsanwältin und ehemalige ZEIT-Autorin Razan Zeitouneh, fehlt bis heute jede Spur.

Man muss für Sahran Allusch also wahrlich keine Kerzen spenden. Aber im Vergleich zum IS, vor allem aber zum Assad-Regime fällt die Liste seiner Verbrechen eher dünn aus.
Nicht erst seit Alluschs Aufstieg werden die oppositionellen Vorstädte von Damaskus von Assads Armee und ihren zunehmend zahlreichen schiitischen Verbündeten belagert, ausgehungert, mit Artillerie beschossen, mit Scharfschützen und Fassbomben terrorisiert. Angriffsziele sind Bäckereien, Marktstände, Schulen, Hospitäler und die "Weißhelme", die zivilen Rettungstrupps, die nach Bombeneinschlägen Überlebende und Tote bergen, und dabei gute Zielscheiben für neue Luftangriffe abgeben.