Seitdem sich am Dienstag in Istanbul ein Selbstmordattentäter in einer Gruppe vor allem deutscher Touristen in die Luft gesprengt hat und zehn von ihnen mit in den Tod riss, sind Deutschland und die Türkei vereint in Verunsicherung. In beiden Ländern fragen sich Bürger und Regierungen, was der Anschlag für ihre Sicherheit bedeutet. Aus türkischer Sicht reiht er sich ein in eine monatelange Schreckensbilanz immer neuer Angriffe und zunehmender Bedrohung durch den "Islamischen Staat". Dass nun auch Touristen inmitten des Istanbuler Zentrums ermordet wurden, macht deutlich, wie umfassend das türkische Terrorismusproblem geworden ist.

Deutschland beschäftigte vor allem die Frage, ob die Urlauber in der Istanbuler Altstadt gezielt als Opfer ausgewählt wurden. Zehn tote Deutsche, weitere verletzt, und das alles, kurz nachdem Tornados der Bundeswehr mit ihren Aufklärungsflügen im Syrienkrieg begonnen hatten: Schnell wurde darüber spekuliert, ob der IS Deutschland stärker ins Visier genommen hat.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière reiste einen Tag nach dem Anschlag persönlich in die Türkei, um sich ein Bild der Lage zu machen, und kam nach einem Treffen mit seinem türkischen Kollegen Efkan Âlâ zu dem Ergebnis: "Nach bisherigem Ermittlungsstand liegen keine Hinweise darauf vor, dass der Anschlag gezielt gegen Deutsche gerichtet war."

Was bislang bekannt ist, legt nahe, dass der Terrorist zwar Touristen aus Europa treffen wollte, die Reisegruppe aus Deutschland scheint eher zufällig zum Ziel geworden zu sein. Der Anschlagsort im Zentrum der Altstadt ist einer der meistbesuchten Plätze Istanbuls. Um kurz nach zehn Uhr, als der Attentäter sich vor dem Ägyptischen Obelisken in die Luft sprengte, sind dort meist nur wenige Touristen anzutreffen, die wie überall in Istanbul vor allem aus Europa und arabischen Ländern kommen. Das heißt, eine deutsche Reisegruppe kann als europäisch erkennbar gewesen sein. Wirklich sicher konnte sich der Attentäter aber wohl nicht sein, schon gar nicht bei der Planung seines Anschlags. 

Die Opfer gehörten zu einer Reisegruppe mit 33 Teilnehmern eines Berliner Unternehmens, die Türkei war nur Station auf einer Rundreise weiter nach Dubai und Abu Dhabi. Die Deutschen nahmen an einer Führung auf dem Platz in der Nähe von Blauer Moschee und Hagia Sofia teil, den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Nach Angaben der Zeitung Hürriyet schrie die Reiseführerin kurz vor der Explosion laut auf Deutsch "Lauft weg!", weil sie einen "türkisch aussehenden Mann" in der Gruppe bemerkt habe, der offenbar eine Bombe zünden wollte. Womöglich hat sie so noch mehr Tote verhindert.

Täter durch Fingerspitze identifiziert

Im Fall des Täters geben sich die türkischen Behörden sicher: Es sei Nabil Fadli, 27 oder 28 Jahre alt, syrischer Staatsbürger mit saudischer Herkunft. Er soll Mitglied des "Islamischen Staats" sein. Die saudische Regierung bestätigte bislang, Fadli habe 1996 mit acht Jahren das Land verlassen und sei syrischer Staatsbürger geworden.

Dass sich die türkischen Behörden nach einem Selbstmordanschlag so schnell so sicher sind, macht Sicherheitsexperten und türkische Kommentatoren skeptisch. Zu oft gab es nach anderen Angriffen gar keine oder fehlerhafte Informationen. Nach dem Anschlag in Ankara am 10. Oktober 2015 etwa machte die Regierung zwischenzeitlich IS, PKK oder Linksextremisten verantwortlich. Zudem wurde nach der Explosion in Istanbul sofort eine Nachrichtensperre verhängt. Und bislang ist kein Bekennerschreiben irgendeiner Terrororganisation aufgetaucht.

Auch der Bundesinnenminister hat noch Zweifel. "Man hat diesen Mann insoweit identifiziert, dass es ein Personaldokument gibt, aber ob dieses Personaldokument zu diesem Mann gehört, ist alles noch Gegenstand der Aufklärung", sagt de Maizière am Abend in den Tagesthemen.

Die Gewissheit der türkischen Behörden beruht nach Angaben ihres Innenministers auf Erkenntnissen über die Herkunft Fadlis. Er sei als Flüchtling getarnt von Syrien aus eingereist und habe sich in einem Migrationszentrum am 5. Januar in Istanbul registrieren lassen. Mit den dabei abgegebenen Fingerabdrücken sei er jetzt schnell identifiziert worden. Nach Angaben von Hürriyet Daily News wurde am Ort des Anschlags eine Fingerspitze gefunden, die mit den Fingerabdrücken Fadlis übereinstimmen soll. 

Fadli wurde nach Angaben der türkischen Behörden bei seiner Registrierung von vier Menschen begleitet, nach denen werde jetzt gefahndet. Die Behörden melden inzwischen fünf Festnahmen im Zusammenhang mit dem Anschlag, zudem seien am Mittwoch 13 weitere mutmaßliche IS-Mitglieder festgenommen worden, darunter drei Russen.

Deutsche Ermittler in der Türkei

Die Erkenntnisse der türkischen Behörden zu dem Täter wollen deutsche Sicherheitsbehörden nicht kommentieren. Das Bundeskriminalamt steht nach eigenen Angaben in engem Kontakt mit den dortigen Behörden. Ein Kontaktbeamter arbeite dauerhaft in der Türkei, vier weitere seien wegen des Anschlags dorthin gereist, sagte eine Sprecherin. Auch Generalbundesanwalt Peter Frank hat nach Informationen von Spiegel Online Ermittlungen aufgenommen.

Zur aktuellen Terrorgefahr in Deutschland gibt es den Behörden zufolge keine neue Einschätzung, das Bundesinnenministerium geht weiter von einer abstrakten, aber hohen Bedrohungslage in Deutschland aus. Dazu passt auch ein als vertraulich eingestufter Bericht, aus dem die Bild-Zeitung zitiert: "Deutschland ist erklärtes und tatsächliches Ziel dschihadistisch motivierter Gewalt", die "sich jederzeit in Form von Gewalttaten gegen staatliche und zivile Einrichtungen sowie Staatsbedienstete und Zivilpersonen konkretisieren" könne. Konkret warne der Bericht vor Attacken im Stil der Angriffe von Paris.

Seit den Anschlägen in der französischen Hauptstadt im November haben Behörden zwei Mal Alarm ausgelöst: Einmal vor einem Fußball-Länderspiel in Hannover, einmal zur Silvesternacht in München. Seitdem sich Deutschland zur Unterstützung der Angriffe in Syrien entschlossen hat, ist die Sorge gewachsen, es könne nun eher das Ziel von Anschlägen werden. Vor wenigen Tagen hoben erstmals deutsche Kampfflugzeuge vom Nato-Stützpunkt Incirlik in der Türkei ab, um Aufklärungsflüge gegen den IS in Syrien zu fliegen. Der Bundestag hatte beschlossen, dass die Bundeswehr mit maximal 1.200 Soldaten in der Region eingesetzt werden kann. Zudem werden irakische Kurden im Krieg gegen die Islamisten ausgebildet und mit Waffen beliefert, sodass Deutschland sich indirekt bereits in den Kampf gegen den IS eingeschaltet hat.