So spartanisch gibt sich das Wiener Protokoll selten. Fast konnte man am Wochenende den Eindruck haben, die angereisten Chefdiplomaten wollten ihre Großtat möglichst klein spielen. Erst spät in der Nacht verlasen die Außenminister von EU, USA und Iran im IAEO-Hauptquartier ihre Kommuniqués, verzichteten auf einen pompösen Festakt und gingen anschließend wieder rasch ihrer Wege.  

Und das, obwohl der Atomvertrag ohne Zweifel einen historischen Wendepunkt markiert. Er wird die Dynamik der Weltdiplomatie verändern, genauso wie das regionale Machtgefüge und nicht zuletzt auch die Islamische Republik. Doch die Beteiligten in Wien wissen auch, dass ihre Umwälzungen mächtige Gegner haben, in den Vereinigten Staaten, im Nahen Osten und nicht zuletzt im Iran selbst.

Israel sieht sich von der persischen Atomkompetenz bedroht. Saudi-Arabien rebelliert gegen die wirtschaftliche Kraft und das Hegemoniestreben des alten Rivalen. Die Saudis sind nicht mehr länger Exklusiv-Verbündeter von Europa und den USA, was auf der Arabischen Halbinsel Verunsicherung, Angst und Paranoia auslöst. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Riad und Teheran liegt gerade zwei Wochen zurück. Die provokante Exekution des schiitischen Predigers Nimr al-Nimr verärgert Brüssel und Washington gleichermaßen. Und so kam es am Sonntag an den Börsen am Golf zu ähnlichen Panikverkäufen wie während des Arabischen Frühlings 2011.

Auch die innenpolitischen Spannungen nehmen zu

Aber auch die Hardliner und Sanktionsgewinner daheim in Teheran treiben Sorgen um. Sie fürchten finanzielle Einbußen und eine Liberalisierung der Gesellschaft, die ihrem Machtanspruch auf Dauer gefährlich werden könnte. Außenpolitik ist Innenpolitik, diese Formel hatte Hassan Rohani bei seiner Wahl 2013 auf Anhieb mit absoluter Mehrheit ins Präsidentenamt katapultiert. Er werde den Iran wieder zu einem respektierten Partner auf dem internationalen Parkett machen und die heimische Willkürmacht der Theokratie durch eine Grundrechtecharta für alle Bürger begrenzen.

Seit Monaten nun laufen seine Gegner in Teheran Sturm, um diese brisante Verknüpfung zu durchtrennen. Mit immer neuen Aktionen versuchen sie, das Ansehen der gemäßigten Führung im Ausland zu diskreditieren. Seit Monaten läuft eine massive Einschüchterungskampagne gegen kritische Intellektuelle, Filmemacher, Künstler und Musiker. Die Zahl der Hinrichtungen kletterte auf Rekordniveau und liegt mindestens fünfmal so hoch wie beim viel kritisierten Rivalen Saudi-Arabien. Politische Aktivisten, Journalisten, ja zuletzt sogar zwei Lyrikerinnen wurden zu hohen Haftstrafen und Peitschenhieben verurteilt.

Das neue Selbstbewusstsein der iranischen Jugend

Die Konservativen ahnen, dass sie bald unter Druck geraten könnten. Am 26. Februar steht ihre nächste Machtbastion zur Disposition, sollten sie bei den Parlamentswahlen ihre Mehrheit verlieren. Ihr Schutzpatron, Revolutionsführer Ali Chāmeneʾi , ist 75 Jahre alt und krebskrank. Erstmals seit 1979 wird nun auch die Frage seiner Nachfolge offen diskutiert und nicht mehr tabuisiert. 70 Prozent der 78 Millionen Iraner sind jünger als 30 Jahre und kennen Staatsgründer Ajatollah Chomeini nur noch vom Hörensagen oder von Propagandaplakaten.

Trotzdem sind in dem ausgeblichenen Gottesstaat die Aussichten für eine demokratische Öffnung besser als im Rest der nahöstlichen Welt. Irans Zivilgesellschaft ist entwickelter als alle arabischen Konkurrenten. Das Land ist reich an Bodenschätzen und hat eine jahrzehntealte Industriekultur, der in den nächsten Jahren der größte Innovationsschub aller Zeiten bevorsteht. Die Bevölkerung ist gebildet, belesen und diszipliniert. Die jungen Leute aus dem Iran gehören zu den talentiertesten der Region. Sie wissen, was sie wollen. Und sie sind sicher, dass ihre Zeit bald kommen wird.