Die Deutschen gehen getrübter Stimmung in das neue Jahr; einen dramatischen Hoffnungseinbruch vermelden die Allensbacher Demoskopen. Dabei geht es uns gut: Die Arbeitslosigkeit, die Inflation, die Benzin- und Dieselpreise sind so niedrig wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr, die Wirtschaft läuft. Doch wird dies alles überschattet von der Sorge, dass die Flüchtlingskrise unseren Staat überfordert, wenn nicht gleich, dann spätestens, wenn die nächste Million über die Bundesgrenze rollt. Die lauernde Angst vor einem unabwendbaren Terrorangriff schlägt zusätzlich aufs Gemüt; da kann die Zivilgesellschaft dem schwächelnden Staat auch nicht aus der Bredouille helfen.

Ich gestehe: Auch ich blicke mit einem mulmigen Gefühl in die nahe Zukunft.

Zunächst einmal hat das alte Jahr dem neuen einen üblen Haufen ungelöster und möglicherweise unlösbarer Probleme hinterlassen: 

  • Die Griechenland-Krise, von der Aktualität aus den Schlagzeilen gedrängt, wird im Frühjahr mit Macht wieder aufbrechen, wenn es um das nächste Hilfsprogramm geht.
  • Die Ukraine-Krise köchelt weiter, und weder Putin und Poroschenko noch Merkel und Hollande scheinen in der Lage, die Hitzköpfe in beiden Lagern zu bändigen.
  • Der Mittlere Osten bleibt ein Hort des Unfriedens, und es ist schwer zu sagen, was dort schlimmer ist: die Diktatur brutaler Herrscher oder die chaotische Anarchie zerfallener und zerfallender Staaten. Amerikanische, russische, französische und britische Bomben werden den "Islamischen Staat" in Syrien und im Irak schwächen, aber nicht vernichten; er wird sich tiefer in Libyen und in Afrika festsetzen. Zugleich schafft Erdoğans Krieg gegen die Kurden einen weiteren gefährlichen Konfliktherd.
  • Den Saudis wird es nicht gelingen, den Jemen in eine funktionierende Staatlichkeit zurückzubomben. Ihre wahhabitische Missionsinbrunst hat Al-Kaida hervorgebracht und den IS spirituell genährt. Die Hinrichtung des saudischen Schiitenführers Nimr Baker al-Nimr könnte den Stellvertreterkrieg, der allenthalben bereits zwischen Sunniten und Schiiten im Gange ist, in einen offenen Krieg mit dem Iran münden lassen, wenn der unsichere neue König Salman nicht einsieht, dass es höchste Zeit für einen arabischen Frieden von Münster und Osnabrück ist.
  • Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist die Aussicht auf eine dritte Intifada weit wahrscheinlicher als eine Friedenslösung.
  • Es bleibt höchst fraglich, ob Afghanistan zu retten ist. Die Regierung ist schwach; die Taliban werden stärker, die westlichen Truppen werden in einem zusätzlichen Jahr militärischer Präsenz auch nicht erreichen können, was ihnen in den vorangegangenen fünfzehn Jahren nicht gelungen ist. Die Entwicklung in Afghanistan könnte auch die sich derzeit anbahnende Annäherung von Indien und Pakistan vereiteln. Weiter östlich im Pazifik jedoch wird das Pekinger Auftrumpfen die USA wohl immer tiefer in eine eskalierende Konfrontation mit der aufsteigenden Supermacht China treiben.

"Wer", fragt Time im Ausblick auf 2016 – "wer wird die Führung übernehmen, um den IS zu vernichten, den Mittleren Osten zu stabilisieren, den Handel mit gefährlichen Waffen einzudämmen, den Klimawandel zu mildern, den internationalen Gesundheitsgefahren in der Welt zu wehren?" Die Antwort ist ernüchternd: "Niemand. Die vielen Buschfeuer in der Welt werden 2016 noch heißer brennen, da niemand glaubt, er könne sich die Kosten und die Risiken leisten, die mit dem Brandlöschen verbunden sind."

Niemand. Nicht Amerika, das nicht länger mit Bodentruppen und Steuerdollars den Weltgendarm spielen will. Auch nicht Europa, dem Karl-Theodor zu Guttenberg aus seinem amerikanischen Exil ein Jahr prophezeit, dessen Kennzeichen "eine Kultur des kleinsten gemeinsamen Nenners" ist.

In seinen letzten Lebensjahren hat Helmut Schmidt immer wieder die Sorge geäußert, dass Europa auseinanderbricht. Ich habe dies lange für Alterspessimismus gehalten. Inzwischen fürchte ich, dass sein Albtraum Wirklichkeit werden könnte.

Noch mehr Orbáns und Kaczyńskis im Osten und Südosten der EU. 2016 das Referendum in England, das zum "Brexit" führt, zum Ausscheiden der Briten aus der Europäischen Union. 2017 die Wahl von Marine Le Pen zur französischen Staatspräsidentin. Gleichzeitig Erstarken der nationalen Rechten in Skandinavien und den Niederlanden. Abkehr von der Reformpolitik in Portugal, Spanien, Italien und Griechenland. Und nach fünf Landtagswahlen in diesem Jahr zieht im nächsten Jahr die AfD mit 20 Prozent der Stimmen in den Bundestag ein.

So verstörend diese Erkenntnis auch ist: Die moralisch so hehre grenzenlose Humanität gefährdet den gesellschaftlichen Frieden und untergräbt die Demokratie; die Ankunft der nächsten Million wird diese Entwicklung weiter befördern. Die beiden alten Volksparteien CDU/CSU und SPD werden von den Zahlen erneut in eine große Koalition gezwungen, was ihr Ansehen wie ihre Wirksamkeit noch stärker schwächt. Berlins Führungsrolle in Europa: Aus der Traum. 

Auch der Traum von einer erneuerten atlantischen Gemeinschaft, wenn die Amerikaner im November 2016 den rüpeligen Großkotz Donald Trump zum Präsidenten wählen sollten. Einer seiner Slogans lautet: Forget Europe!

Derlei Albträume können einen um den Schlaf bringen. Doch wie Paul Valéry sagt: "Le pire n’est jamais certain" – das Schlimmste ist nicht immer gewiss. Es kann so schlimm kommen, aber es muss nicht so schlimm kommen. Stefan Kornelius von der Süddeutschen Zeitung hat recht: "Die Krisen der Welt verlangen nach Anstrengung – und optimistischer Gelassenheit."

Karl Popper hätte ihm zugestimmt. Seine Devise war: "Optimismus ist Pflicht!" Aber die Politik muss ihn ermöglichen.