Das Timing hätte etwas besser sein können, die Bernie-Sanders-Anhänger Amerikas hatten sich ausgerechnet jenen Tag für ihren nationalen Aktionstag ausgesucht, an dem der Jahrhundertsturm Jonas mit gewaltigen Schneemassen die gesamte Ostküste lahmlegte. So fielen angekündigte Märsche in Boston, New York und Washington aus und die Publikumsmedien ignorierten weitgehend, dass an anderen Orten die "Bernie-Bewegung" den Naturgewalten trotzte.

Immerhin waren es noch Zehntausende, die in 35 Städten der USA am vergangenen Samstag auf die Straße gingen, um ihre Unterstützung für den selbst ernannten "demokratischen Sozialisten" kundzutun, der dabei ist, das Establishment der demokratischen Partei auf den Kopf zu stellen. In nationalen Umfragen liegt Bernie Sanders zwar noch immer mit einer zweistelligen Prozentzahl hinter Hillary Clinton. Doch bei den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire in der kommenden Woche rechnet man mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Und ein Sanders-Sieg in diesen Staaten könnte die gesamte Arithmetik des demokratischen Vor-Wahlkampfes neu kalibrieren.

Der große Trumpf, den Sanders dabei in der Hand hält, sind die sogenannten Millennials, die Jungwähler zwischen 18 und 34, die als einzige Wählergruppe konstant "The Bern" gegenüber Hillary Clinton favorisieren. Sie waren es, die am vergangenen Wochenende für Sanders marschiert sind und die, manchmal zur Verwunderung des Kandidaten selbst, seine Wahlkampfveranstaltungen zu Pop-Festivals machen. "Ich würde mich nicht als besonders hip bezeichnen", sagt der 74-Jährige, der mit seiner Zauselfrisur und seinem schweren Brooklyner Akzent den New Yorker Alt-Linken kaum verbergen kann. "Aber ich schätze, die jungen Menschen sind einfach nur idealistisch."

"Beweist ihnen, dass sie unrecht haben"

Damit liegt Sanders richtig. Die Amerikaner unter 30 teilen in der überwiegenden Mehrzahl die Werte, die Sanders verkörpert. So fanden sie laut einer Pew-Studie von 2014, dass die Polizei rassistisch sei, sie glauben, dass Einwanderer Amerika stärken und nicht bedrohen. Sie fürchten sich nicht vor Muslimen, sie glauben, dass die Regierung mehr tun muss und nicht weniger. Und sie bevorzugen zu unglaublichen 49 Prozent den Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus – jenen Sozialismus, zu dem sich Sanders mit lustvoller Irreverenz gegenüber der amerikanischen Polit-Orthodoxie gern bekennt.

Diese Einstellungen der Millenials könnten unterdessen nicht nur auf die anstehenden Vorwahlen einen profunden Einfluss haben. Die 18- bis 34-Jährigen sind mittlerweile die zahlenmäßig stärkste Wählergruppe in den USA, sie haben die Baby-Boomer-Generation der heute 45- bis 65-Jährigen längst überholt. Und so könnten sie die Wahl insgesamt entscheiden.

Die Schwierigkeit für Sanders wird dabei jedoch sein, die Millennials überhaupt an die Wahlurne zu bringen. Bei den Zwischenwahlen vor zwei Jahren blieben sie praktisch geschlossen zu Hause. Deshalb unternimmt die Sanders-Kampagne auch alle Anstrengungen, die Jungwähler in Iowa und New Hampshire nach draußen zu bekommen. Eine Website der Wahlkämpfer, die gezielt die Millennials anspricht, versucht sie direkt zu provozieren: "Sie sagen, dass ihr gleichgültig seid. Sie sagen, dass ihr nicht zu Vorwahlen geht. Sie sagen, dass Bernie nicht gewinnen kann", steht da in großen, hoffnungsgrünen Lettern auf der Homepage. "Beweist ihnen, dass sie unrecht haben."

Die Chancen, dass Sanders der Kandidat sein könnte, der die Millennials mobilisiert, stehen freilich nicht schlecht. Viele der Sanders-Anhänger kommen direkt aus der Occupy Bewegung. "Ohne Occupy wäre es unmöglich, zu verstehen, warum ein griesgrämiger Sozialist aus Vermont gute Aussichten hat, Hillary Clinton in den ersten Vorwahlen ernsthaft herauszufordern", schreibt der Journalist Peter Beinart in einem langen Aufsatz über die neue amerikanische Linke in der aktuellen Ausgabe des Atlantic.