Russlands Präsident Wladimir Putin hat laut einem britischen Untersuchungsbericht "wahrscheinlich" die Ermordung des früheren russischen Agenten Alexander Litwinenko vor zehn Jahren in London gebilligt. Den Giftmord habe der russische Geheimdienst FSB in Auftrag gegeben, die Operation "war wahrscheinlich von Präsident Putin gebilligt", sagte Richter Robert Owen bei der Vorstellung des Untersuchungsberichtes vor Londons Oberem Gericht.

Litwinenko, ein früherer russischer Agent, war im November 2006 an einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium 210 gestorben. Er gehörte zu den schärfsten Kritikern der russischen Regierung. Unter anderem hatte er den Geheimdienst beschuldigt, für Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland verantwortlich zu sein, die 1999 einen Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Krieg liefern sollten.

Dem Untersuchungsbericht zufolge hatten Putin und seine Regierung ein Motiv für den Mord. Die beiden russischen Agenten Andrej Lugowoj und Dimitri Kowtun hätten Litwinenko mit dem seltenen radioaktiven Stoff Polonium-210 vergiftet. Der 43-jährige Ex-Agent starb, nachdem er eine Tasse vergifteten Grüntees in einem Hotel in London getrunken hatte. Noch auf dem Sterbebett hatte der frühere Agent Putin als Hintermann der Giftaktion beschuldigt.

Die gerichtliche Untersuchung ist nicht mit einem Prozess gleichzusetzen und hat keine direkten strafrechtliche Konsequenzen. Beweise für das Mitwissen oder die Zustimmung Putins legte Owen nicht vor. Für seine Schlussfolgerung spräche aber die Kommandostruktur des Geheimdienstes, über die Zeugen in den Anhörungen gesprochen hatten.

Owens Bericht ist aber diplomatisch heikel. Die britische Regierung wollte daher auch lange Zeit verhindern, dass der Fall öffentlich wieder aufgerollt wird, doch Litwinenkos Witwe Marina setzte sich vor Gericht durch. Sie sagte nach Informationen des Guardian, sie sei sehr froh, dass die Worte ihres Mannes von einem englischen Gericht bestätigt worden seien. Sie forderte, alle russischen Agenten aus Großbritannien auszuweisen sowie "gezielte Wirtschaftssanktionen und Reiseverbote".

Die russische Führung hat eine Beteiligung an dem Mord stets zurückgewiesen. Die Regierung in Moskau warf Großbritannien nach Vorlage des Berichts vor, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu belasten. Die britischen Untersuchungen seien voreingenommen und undurchsichtig gewesen, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums in Moskau. Der Fall werde von der Regierung in London politisch ausgenutzt. "Wir bedauern, dass ein rein strafrechtlicher Fall politisiert wurde und die allgemeine Atmosphäre der bilateralen Beziehungen verdunkelt hat."

Londoner Regierung will Mord aufklären

Großbritanniens Premierminister David Cameron hält die Ergebnisse seiner Sprecherin zufolge für "extrem verstörend". Sie bestätigten, was frühere Regierungen bereits angenommen hätten. Die Regierung überlege nun, wie weiter vorgegangen werden solle.

In London wurde bereits der russische Botschafter Alexander Jakowenko zum Gespräch geladen. Außerdem würden die Guthaben der beiden Tatverdächtigen eingefroren, kündigte Innenministerin Theresa May an. Die britische Regierung bemühe sich außerdem um ein weiteres juristisches Vorgehen, sagte May. Sie stehe mit der Staatsanwaltschaft in Kontakt, um Möglichkeiten einer Auslieferung auszuloten. "Die Regierung sieht sich weiterhin verpflichtet, in dem Fall für Gerechtigkeit zu sorgen."

Gegen Lugowoi und Kowtun liegt in Großbritannien schon seit Jahren Haftbefehl vor, ihre Auslieferung wurde von Russland jedoch stets abgelehnt. Auch nach dem Untersuchungsbericht werde die Moskauer Regierung kein Verfahren gegen die beiden eröffnen, sagte ein russischer Justizsprecher.

Lugowoi ist mittlerweile Abgeordneter der Staatsduma und genießt damit Immunität. Auch er wies die Anschuldigungen als "absurd" zurück. "Die Ergebnisse bestätigen die antirussische Position Londons sowie die Engstirnigkeit und Unlust der Engländer, den wahren Grund für den Tod von Litwinenko festzustellen", sagte er der russischen Agentur Interfax zufolge.