Demonstranten in Tunis im Januar 2011 © Christopher Furlong/Getty Images

"Der Verpasste Frühling – Woran die Arabellion gescheitert ist" heißt das neue Sachbuch von Julia Gerlach, aus dem wir Auszüge hier veröffentlichen:

"Türkisfarbener Bikini, die Haare vom Baden noch nass, so räkelt sie sich auf dem Rand des Pools. Lina Ben Mhenni, die diese Bilder von sich im Sommer 2015 auf Facebook postet, zählt zu den bekanntesten tunesischen Bloggerinnen und war für ihre Rolle während des Aufstands 2011 für den Friedensnobelpreis nominiert. Anders als viele andere Aktivisten der Revolution hat sie sich nicht aus der Politik zurückgezogen und ist bis heute aktiv.

Was sollen aber dann diese Bilder? Wieso ändert sie ihr Profilbild, tauscht das Schwarzweißbild mit den verwegenen Haaren gegen ein Bild in Touristenpose am Pool? "Zum ersten Mal seit Anfang der Revolution habe ich in diesem Sommer Urlaub gemacht. Ein paar Tage nur, aber immerhin. Ich war in Hammamet im Hotel", erzählt sie und zeigt noch ein paar Bilder. "Was für ein Meer! Und der Pool erst! Es war sehr schön und erholsam", fügt sie dann hinzu, allerdings klingt sie dabei, als wäre sie beim Zahnarzt gewesen. Lina Ben Mhenni hat sich natürlich gern an den Pool gelegt, allerdings wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte keine Zeit dazu gehabt. "Leider ist es so, dass die Revolution eine Pause macht. Es passiert nicht mehr viel. Die meisten Aktivisten sind in Schockstarre und trauen sich nicht mehr, die Regierung zu kritisieren. So gibt es im Moment kaum Demos, und auch die politische Diskussion ist eingeschlafen", sagt sie.

Tunesien gilt als Vorzeigeland des Arabischen Frühlings, hier scheint der Übergang in eine neue Zeit geklappt zu haben, zumindest gilt die Übergangsphase offiziell als abgeschlossen: Tunesien hat 2014 eine neue Verfassung bekommen, in der Freiheitsrechte und Demokratie verankert sind. Es wurden ein Parlament und ein Präsident gewählt, und Anfang 2015 gelingt es nach langem Ringen, eine Regierung der nationalen Einheit zu formen, die Islamisten und Nicht-Islamisten vereint. Auch was die Wirtschaft angeht, zeigt sich ein Silberstreifen am Horizont, die Tourismussaison 2015 ließ sich gut an. Bis zum 26. Juni. Da tötete ein vom IS in Libyen trainierter junger Tunesier 38 Touristen am Strand von Sousse. Stornierungen, leere Hotelzimmer, Ende der Hoffnung. Lina Ben Mhennis Foto von sich am Pool von Hammamet ist insofern auch ein politisches Statement: Macht Urlaub in Tunesien! Rettet unsere Wirtschaft! Rettet unsere Revolution!

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"Der Terrorismus ist eine große Bedrohung, nicht nur weil Menschen sterben", sagt Lina Ben Mhenni. Die Regierung nutze die Gewalt und die Angst vor dem Terror, um Freiheiten einzuschränken. "Das Schlimmste aber ist, dass die Menschen in solcher Panik vor dem Terror leben, dass sie sich nicht mehr trauen, die Regierung zu kritisieren", sagt sie. Das im Nachgang zum Attentat im Juli 2015 verabschiedete Anti-Terror-Gesetz gibt der Regierung weitgehende Befugnisse, Verdächtige festzunehmen, und auch die Todesstrafe wird wieder eingeführt: "Bis vor Kurzem noch gingen die Aktivisten wegen jeder Einschränkung der Freiheit auf die Straßen, ein solches Gesetz hätte zu einer regelrechten Protestwelle führen müssen. Jetzt aber haben die Menschen unglaubliche Angst, dass die Regierung scheitert und Tunesien in das gleiche Chaos stürzt wie Libyen oder Syrien. Deswegen halten sie den Mund", beschreibt sie die Situation.

Lina Ben Mhenni habe ich zum ersten Mal 2010 getroffen, bei einem arabischen Bloggerseminar, das die Deutsche-Welle-Akademie im Herbst 2010 in Kairo veranstaltet. Internetaktivisten aus verschiedenen arabischen Ländern sind angereist, tauschen sich über die Situation in ihren Ländern aus und darüber, wie man die Zensurmethoden der Regierungen aushebeln kann. Nützliches Wissen, denn kurz darauf beginnt die Revolution in Tunesien. Am 17. Dezember zündet sich der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi in Sidi Bouzid an, protestiert gegen die willkürliche und erniedrigende Behandlung durch die lokalen Behörden. Seine Angehörigen empören sich, dann der ganze Ort.

Schnell springt der Funke auf andere Städte über. Anfang Januar ist das Land in Aufruhr. Die tunesischen Medien schweigen, aber wen interessiert das schon? Schließlich berichtet al-Dschasira, und zwar nonstop. Selbst über kleine Proteste wird berichtet, und diese Art der sehr intensiven Berichterstattung trägt dazu bei, dass sich immer mehr Menschen anschließen. Schnell verbreiten sich die Ideen: Tunesien gehört zu den Ländern der Region mit den meisten Internet-Nutzern. Ein Drittel der Tunesier ist online. In Syrien sind es nur gerade einmal 18 Prozent.

Eine wichtige Säule des Aufstands sind die Arbeiter: Zwar steht die Spitze der Gewerkschaft UGTT gehorsam hinter der Regierung von Diktator Ben Ali, aber die Basis wird schnell zur treibenden Kraft der anschwellenden Proteste. In dieser Zeit postet Lina Ben Mhenni zwei Bilder auf ihrer Internetseite. Das erste zeigt eine Straße bei Nacht: menschenleer. Das zweite zeigt eine ähnliche Szene, nur verwackelt. Es ist ihr wortloser Kommentar zur Ausgangssperre, die von der Regierung verhängt wurde. Was könnte deutlicher zeigen, dass auch diese Maßnahme nicht taugt, um die Aktivisten daran zu hindern, auf die Straße zu gehen?

Dann geht alles sehr schnell. Obwohl Zine Abdine Ben Ali eine sehr emotionale Rede hält, in der er 300.000 neue Jobs verspricht und zusagt, nicht noch einmal zur Wahl anzutreten, verfängt diese nicht beim Volk. Als nächstes wechselt er seine Regierung aus, doch die Demonstrationen gehen weiter. Sie finden jetzt sogar im Touristenort Hammamet statt, wo man sonst auf Stabilität und Ruhe setzt, um die Urlauber nicht zu verschrecken. Am Freitag, dem 14. Januar, um 18.50 Uhr Ortszeit ist es dann geschafft: Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi gibt die Amtsenthebung des Präsidenten bekannt. Dieser befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Flugzeug. Nach Saudi-Arabien. Dort lebt er seitdem im Exil, in Tunesien beginnt eine neue Zeit.