Die EU-Kommission bemängelt das aus ihrer Sicht zu geringe Engagement der EU-Staaten bei der Bekämpfung von Fluchtursachen. In einem im vergangenen Jahr beschlossenen Nothilfefonds für Afrika sei erst ein Bruchteil der zugesagten Gelder eingegangen, sagte der für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung zuständige EU-Kommissar Neven Mimica der Zeitung Die Welt. "Die EU-Kommission hat 1,8 Milliarden Euro zugesagt, in der Erwartung, dass die Mitgliedsstaaten einen ebenso hohen Betrag bereitstellen. Bisher haben 25 EU-Länder und zwei Nicht-EU-Staaten erst rund 81 Millionen Euro angekündigt."

Mit einer Summe von 15 Millionen Euro hätten die Niederlande bisher den größten Beitrag für den Fonds zugesagt, der beim Kampf gegen den Menschenschmuggel und bei der Belebung der Wirtschaft helfen soll. Aus Italien und Belgien kommen jeweils zehn Millionen Euro. Deutschland und Frankreich hätten nach den neuesten Zahlen der EU-Kommission jeweils drei Millionen Euro beigesteuert. "Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, ist mehr Engagement der Mitgliedsstaaten bei den Einzahlungen in den Afrika-Treuhandfonds und auf anderen Feldern nötig", sagte Mimica. "Die potenziellen Flüchtlingszahlen aus Afrika sind hoch."

Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass die Bevölkerungsgröße Afrikas bis 2050 von derzeit 1,2 Milliarden auf 2,5 Milliarden Menschen ansteigen wird. "Wir müssen den Menschen Zugang zu Nahrung, Wasser, Hygiene und Krankenhäusern verschaffen", sagte Mimica. "Kinder und Studenten müssen ausgebildet werden."

Merkel verteidigt Aufnahme von Kriegsflüchtlingen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief ebenfalls zu einer verstärkten Bekämpfung der Fluchtursachen auf. "Wir können uns um diese Aufgabe nicht länger herumdrücken", sagte sie in Freiburg bei einer Veranstaltung des Walter Eucken Instituts. "Ich glaube zutiefst, dass wir bei den Fluchtursachen beginnen müssen und dass wir die Lebensbedingungen der Menschen verbessern müssen", sagte sie. Dies sei die Lehre aus den hohen Flüchtlingszahlen. Klar sei aber auch, dass es schnelle Lösungen nicht gebe. "Das ist eine Jahrhundertaufgabe", betonte die Kanzlerin.

Die Aufnahme von Flüchtlingen, die aus Kriegsregionen kommen und dort bedroht seien, bezeichnete Merkel als europäische Pflicht und zudem verkraftbar. Sie sagte aber auch: "Wir können nicht alle aufnehmen, denen es schlechter geht als uns." Feste Grenzkontrollen innerhalb Europas seien keine Antwort, sagte die Kanzlerin. "Zu glauben, wir können zum alten Grenzkontrollregime zurückkehren, ist relativ naiv", sagte Merkel. Dafür sei die Welt inzwischen zu verflochten.