Ein Zaun trennt internationale und nationale Gleise im Bahnhof von Malmö. © Johan Nilsson/TT/AFP/Getty Images

Von meinem Schreibtisch im neunten Stock der Universität Malmö kann ich die Öresundbrücke sehen, die sich über die Meerenge zwischen Malmö und Kopenhagen zieht. Sie ist seit ihrer Eröffnung vor 15 Jahren ein Symbol für Freizügigkeit und transnationale Integration. Tausende fahren täglich über die Brücke hin und her: zur Arbeit, zum Einkaufen, für Freizeitaktivitäten – oder um Asyl zu suchen. Für die rund 160.000 Asylsuchenden, die 2015 nach Schweden kamen, aber auch für viele Flüchtlinge, die nach Norwegen und Finnland weiterziehen, war die Öresundbrücke der wichtigste Einreisepunkt.

Doch binnen zwei Monaten wurden dieser und alle anderen Zugänge nach Schweden geschlossen. Das ist die Folge einer drastischen Kehrtwende, die die Regierung in der Asylpolitik vollzogen hat. Im verzweifelten Versuch, den angeblich nicht zu beherrschenden Zustrom an Asylsuchenden zu begrenzen, beschloss die rot-grüne Minderheitsregierung von Ministerpräsident Stefan Löfven, ihre Politik der "offenen Arme", wie sie sie stolz genannt hatte, zu beenden. Die Wende gipfelte am 4. Januar 2016 in der Einführung von Grenzkontrollen, um Flüchtlinge wirksam von der Einreise abzuhalten. Die Regierung arbeitet an strengeren Zuwanderungsgesetzen, die Schwedens Engagement auf das EU-Minimum reduzieren werden.

Die neue Asylpolitik ist ein Paradigmenwechsel in der modernen schwedischen Geschichte. Er bereitet der Regierung und den meisten politischen Parteien offensichtlich extreme Schmerzen, denn er trifft Schwedens Stolz, sein humanitäres Bewusstsein ins Mark und richtet sich gegen das Bild, das sich Schweden von seiner Rolle in der Weltpolitik gemacht hat. Die Tränen der stellvertretenden Ministerpräsidentin Åsa Romson, als sie am 24. November die verschärften Regelungen verkündete, versinnbildlichen die Qualen eines Landes, das sich selbst nicht mehr wiedererkennt.

Wie kann man eine so dramatische und schmerzende Kehrtwende erklären? Und was sind seine vorhersehbaren politischen Folgen?

Ein Erklärversuch könnte am 16. August 2014 beginnen. Einen Monat vor den Parlamentswahlen hielt der damalige Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt eine inzwischen berühmte Rede: In ungewohnt offenen Worten appellierte er an die Schweden, ihr "Herz zu öffnen" und die ökonomischen Lasten der Flüchtlingsaufnahme zu akzeptieren. Es war eine entscheidende Rede, denn sie trieb viele migrationsskeptische Wähler weg von Reinfeldts Mitte-rechts-Koalition zu den Einwanderungsgegnern der Schwedendemokraten (SD). Reinfeldt wurde vielfach vorgeworfen, er habe das stillschweigende Tabu gebrochen, über die Kosten der Immigration zu sprechen, und habe so den fremdenfeindlichen Diskurs der SD ermöglicht.

Die Schwedendemokraten liegen in Umfragen bei 20 Prozent

Für die rechtspopulistische Partei waren die Wahlen Mitte September 2014 ein riesiger Erfolg: Ihr Stimmenanteil stieg von 5,7 auf 12,9 Prozent. Weder die Linke noch die Rechte konnten eine Mehrheitskoalition bilden, ohne die von allen verachtete Partei aufzunehmen. Die parlamentarische Krise schwächte das Vertrauen der Wähler in die rot-grüne Minderheitsregierung und steigerte die Unterstützung der SD weiter. Mittlerweile liegt diese in Umfragen bei 20 Prozent. Angesichts der Popularität der SD bewegen sich einige der Mitte-rechts-Parteien, die viele Jahre lang die liberale Einwanderungspolitik für richtig gehalten haben, um die Stimmen der Einwanderungsskeptiker buhlend nun in eine restriktivere Richtung.