Angela Merkel hätte sich wohl nie gedacht, dass ausgerechnet ein türkischer Premier ihr in einer schweren Krise helfen könnte. An diesem Freitag trifft sie sich mit Ahmet Davutoğlu in Berlin zu den ersten deutsch-türkischen Regierungskonsultationen auf Chef-Ebene. Das hatten sich die Türken lange gewünscht, die Deutschen aber nicht gewollt. Jetzt hat Berlin zugestimmt. Der Grund sind vor allem die Flüchtlinge, die weiter von der Türkei nach Europa ziehen – und nun in Deutschland Merkel durch ihre schiere Zahl in Bedrängnis bringen.

Doch wenn man in die Türkei schaut, kommt die an sich begrüßenswerte deutsch-türkische Annäherung zur falschen Zeit. In der Türkei geht es Kurden, Oppositionellen und vielen, die die freie Rede schätzen, an den Kragen. Sogar Wissenschaftler werden verfolgt, die Kritik an der Kurdenpolitik geäußert haben. Jetzt, da so manches an der Türkei sehr abstoßend wirkt, nähert sich die deutsche Regierung ihr an. Kann dabei was Gutes herauskommen?

Die Bundesregierung hat ein ganz klares Interesse: Sie will, dass die EU die "Kontrolle über ihre Außengrenzen" zurückgewinnt. Und das geht nur mit Griechenland und der Türkei. Heute will Merkel das mit Ankara schon Vereinbarte noch einmal bekräftigen: Bessere Kontrolle der türkischen Ägäisküste durch die türkische Polizei, Zusammenarbeit der Küstenwache mit der EU-Grenzagentur Frontex, Visumpflicht für Flugreisende aus Drittländern in die Türkei, Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge.

Die Türkei will mehr Verständnis für ihre Probleme: Das Land hat noch mehr Flüchtlinge als Deutschland aufgenommen, allein 2,3 Millionen aus Syrien. Auch dort kämpfen Gemeinden und Städte mit der Unterbringung, müssen Menschen in Krankenhäusern und Lagern versorgt werden. Viel mehr aber sind irgendwo in den türkischen Großstädten untergekommen und versuchen – ohne Sozialhilfe – zu überleben. Bei Politikern und der Bevölkerung ist der Wille gering, den Europäern ihre Probleme abzunehmen. Konkret verlangen die Türken aber nun von den Europäern, dass sie bei der in Aussicht gestellten Visafreiheit Fortschritte machen und die im Herbst 2015 versprochenen 3 Milliarden Euro Flüchtlingshilfe überweisen. Die EU-Länder streiten noch darum, wie viel die EU und wie viel die Mitgliedstaaten bezahlen sollen.

Was immer das Ergebnis des deutsch-türkischen Treffens sein wird: Klar ist, dass Merkel und Davutoğlu nicht in der Gemeinsamkeit der Werte schwelgen werden, sondern den nüchternen Zweck verfolgen, das Flüchtlingsproblem zu entschärfen.

Was nicht dabei herauskommen darf: Schweigen über die Verfolgung von Kritikern, Wissenschaftlern und Journalisten. Vor allem aber sollte in den Gesprächen der Krieg gegen Kurden und die PKK zur Sprache kommen. Die türkische Regierung wird sagen, sie kämpfe ja nur gegen Terroristen. Doch der Krieg in den kurdischen Städten im türkischen Osten und die Verhaftung von kurdischen Politikern zeigt, dass es längst um mehr geht. Dieser Krieg schwächt die Türkei und läuft zugleich quer im Kampf gegen die IS-Dschihadisten in Syrien. Dort sind die Kurden die Verbündeten des Westens – aber die Gegner der türkischen Regierung.

Was nicht dabei herauskommen wird: die Befreiung Angela Merkels aus ihrem Riesendilemma. Sie will den Deutschen zeigen, dass sie mithilfe der Türken und Europäer die Flüchtlingszahlen senken kann. Und zwar sehr schnell, weil im März drei Landtagswahlen kommen, in denen die AfD zweistellig zu werden droht. Aber schnell geht nichts in der EU, auch nicht in Ankara. Es wird noch dauern, bis im zähen Ringen mit den ostmitteleuropäischen Staaten, mit den Italienern und allen, die sich quer legen, ein Mechanismus zur Verteilung der Flüchtlinge gefunden ist. Darüber rutscht Merkel nun innenpolitisch in die wohl größte Krise ihrer Amtszeit.

Was herauskommen sollte: Deutsche und Türken finden einen Mechanismus, wie man den Flüchtlingen in größter Not am besten hilft – denen aus Kriegsgebieten. Viel wäre erreicht, wenn die Türken mit Europäern und Griechen die unmenschliche Überfahrt durch die Ägäis so gut wie nur möglich unterbänden – und die Türkei Migranten ohne Aussicht auf Anerkennung zurückholte. Dafür nehmen die Europäer der Türkei große Kontingente von Kriegsflüchtlingen ab, die dann in die EU fliegen dürfen. Die European Stability Initiative hat dazu detaillierte Vorschläge gemacht. Sie verdienen gehört zu werden.