Der Frontex-Direktor betonte in einem Spiegel-Interview, dass trotz des Winterwetters täglich noch immer 2.000 bis 3.000 Flüchtlinge über die Ägäis in Griechenland ankämen. Hochgerechnet seien das immer noch eine Million Menschen für das Jahr 2016, sagte Leggeri. Er kritisierte die Türkei, trotz des Aktionsplans mit der EU nicht genug zu unternehmen, um die Flüchtlingszahlen zu senken. "Die Türkei sollte den Schleppern das Geschäft nicht so leicht machen. Das sind organisierte Kriminelle", sagte Leggeri.

Auch EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn erhöhte nach Gesprächen in der Türkei den Druck. Zwar gebe es erste positive Schritte, "aber wir haben auch mit aller Deutlichkeit klargemacht, dass die EU sehr schnell noch konkrete und engagierte Taten von der Türkei bei der Reduzierung der Flüchtlingszahlen erwartet", sagte er dem Spiegel.

EU macht Druck, Türkei fordert mehr Unterstützung

Die Türkei fordert zur Aufnahme der Flüchtlinge nach einem Medienbericht weitere zwei Milliarden Euro von der EU. "Ankara will nun fünf Milliarden Euro haben", sagte ein hoher EU-Diplomat der Zeitung Die Welt. "Wir sind aber nur bereit, die versprochenen drei Milliarden Euro zu geben." Mit dem Geld, von dem noch nichts ausbezahlt ist, sollen die Lebensbedingungen der inzwischen 2,5 Millionen Syrien-Flüchtlinge in der Türkei und der Grenzschutz verbessert werden, sodass weniger Flüchtlinge in die EU weiterreisen.

Wie die Welt weiter berichtet, will die Türkei bei der Auszahlung des Geldes zudem stärker mitbestimmen. "Die Regierung der Türkei tut sich sehr schwer damit zu akzeptieren, dass die Milliardenhilfen für Flüchtlinge nur schrittweise und nach strenger Bedarfsprüfung durch die EU ausgezahlt werden sollen", hieß es in Diplomatenkreisen. Nach dem Willen der EU soll das Geld demnach in konkrete Projekte, wie den Bau von Schulen, fließen. Brüssel wolle die Auszahlungen streng kontrollieren, um zu verhindern, dass das Geld beispielsweise in dunklen Kanälen der türkischen Bauwirtschaft versickert und so nur ein Bruchteil bei den Flüchtlingen ankommt.

"Solange das Morden weitergeht, kommen Flüchtlinge"

Frontex-Direktor Leggeri warnte im Spiegel-Interview vor "Illusionen". "Solange das Morden in Syrien weitergeht, kommen Flüchtlinge – es wäre schon viel erreicht, wenn wir ihre Zahl stabil halten können", sagte er dem Nachrichtenmagazin. Berichte, wonach die Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland geschlossen werden soll, wies er zurück. "Griechenland hat vor Kurzem darum gebeten, mehr Grenzbeamte auf griechischer Seite an der Staatsgrenze zu Mazedonien einzusetzen", sagte er. "Der Zweck ist, Migranten zu registrieren, nicht, die Grenze zu schließen."

Frontex beobachtet indes einen sinkenden Anteil von Syrern unter den in Griechenland eintreffenden Flüchtlingen. Im Gesamtjahr 2015 habe der Anteil der als Syrer registrierten Flüchtlinge bei 56 Prozent gelegen, im Oktober jedoch nur noch bei 43 Prozent und im November bei 39 Prozent, erklärte die Behörde in Warschau. Unter anderem liege dies daran, dass sich angesichts verschärfter Kontrollen weniger Flüchtlinge als Syrer ausgeben könnten, die es nicht seien. "Die Zahl der Menschen, die eine falsche Nationalität angeben konnten, wurde reduziert", erklärte Frontex. Der Anteil von Irakern stieg demnach, er lag im Gesamtjahr bei elf und im November bei 25 Prozent.

Da Griechenland der Lage kaum Herr wird, gibt es Überlegungen, den Staat aus dem Schengenraum auszuschließen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnte am Freitag davor, das Land zu einem "Lager" für Flüchtlinge zu machen.

Im Januar bereits 244 Flüchtlinge ertrunken

Bis zum 28. Januar sind laut der UN-Flüchtlingsagentur (UNHCR) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 52.055 Bootsflüchtlinge in Griechenland und 3.473 in Italien angekommen. Demnach kamen mindestens 244 Menschen bei dem Versuch ums Leben, Europa auf dem Seeweg zu erreichen. 2015 seien es im gleichen Zeitraum 82 gewesen, 2014 nur 12. Am Donnerstag waren vor der Insel Samos 26 Flüchtlinge ertrunken, nach mehreren Vermissten wurde am Freitag weiter gesucht. Ein mutmaßlicher Schleuser sei festgenommen worden, teilte die Küstenwache mit.

Ungarns Regierungschef Viktor Orbán wertete die Flüchtlinge erneut als Gefahr für die Sicherheit Europas. "Die Terrorgefahr steigt; die öffentliche Ordnung verschlechtert sich", warnte er am Freitag in Sofia nach einem Treffen mit seinem bulgarischen Kollegen Bojko Borissow. Borissow forderte, die EU-Außengrenzen unverzüglich zu schließen. Bulgarien verlängert gegenwärtig einen Grenzzaun zur Türkei, um die Migranten zu Grenzübergängen zu schleusen, wo sie registriert werden können.