Goldgräberstimmung in Europa. Automanager in Frankreich und Deutschland reiben sich die Hände. Bei Airbus liegt ein Jahrhundertvertrag für 114 Flugzeuge unterschriftsreif im Konzernsafe. Italiens Pipeline- und Bauindustrie rechnet mit Milliardenaufträgen, fünf komplette Krankenhäuser soll das Land in den nächsten Jahren liefern. Und nebenbei gab es im Vatikan noch eine höfliche Audienz beim Papst – sozusagen von Gottesmann zu Gottesmann. In den Kapitolinischen Museen wurden sogar nackte Skulpturen mit Holzpanelen vernagelt, damit der gelernte Kleriker aus dem Iran keinen Anstoß nimmt. Hassan Ruhani ist auf Europatour, nicht mehr als Dunkelmann der Achse des Bösen, sondern als Präsident eines Landes, das gerade frisch aus dem Keller der international Geächteten geklettert ist. Er gibt sich aufgeräumt und erleichtert, denn er kommt nicht als Bittsteller, sondern als umworbener Großeinkäufer, der nach zwei Jahrzehnten Sanktionen praktisch alles braucht, was der Modernisierung dient und gegen Geld zu haben ist.

Mit dem Atomabkommen von Wien ist der gordische Knoten durchtrennt im Verhältnis zwischen dem Alten Kontinent und den Erben der 2.500-jährigen persischen Geschichte. Viele europäische Regierungen und Geschäftsleute waren dem immer strikteren Sanktionskurs Washingtons ohnehin nur zähneknirschend und widerwillig gefolgt. Die Iraner mit ihrer Zivilisation und Geschichte, ihrem Bildungsniveau und ihrer reichen Kultur haben den Europäern immer gelegen. Die Wirtschaftsbeziehungen zu der mit Öl und Gas gesegneten Nation waren eng und profitabel. Die iranischen Partner galten als gute Kunden, selbstbewusst und kompetent, pünktlich zahlend und zuverlässig.

Italien war vor dem Atomkonflikt der wichtigste Handelspartner Teherans. Frankreichs und Deutschlands Autokonzerne standen Pate für Irans Fahrzeugindustrie, der größten im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Der schwäbische Maschinenbau belieferte Teherans Mittelständler genauso selbstverständlich wie die eigenen daheim. Kaum ein iranischer Fabrikchef, der in den vergangenen Jahren gegenüber Besuchern nicht schon nach wenigen Sätzen über die Billigmaschinen aus China klagte, um dann das Hohelied auf dessen deutsche Vorgängerfabrikate anzustimmen. Andere warteten und päppelten ihre noch in der Schah-Zeit erworbenen deutschen Produktionsstraßen weit über deren Lebensdauer hinaus. Die meisten iranischen Firmenlenker haben in ihren Köpfen den früheren europäischen Lieferanten die Treue gehalten, auch wenn ihnen durch den internationalen Boykott zuletzt nur noch Fernost offen stand.

Irans Bevölkerung lehnt den Westen nicht ab

Mit dem wirtschaftlichen Frühling aber werden auch die politischen und kulturellen Beziehungen wieder aufblühen. Der Iran ist wegen seiner faszinierenden Städte und atemberaubenden Landschaften ein erstklassiges Touristenziel. Wenn der Austausch von Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern wieder in Gang kommt, werden die gegenseitigen Debatten belebt und kann sich das Vertrauen regenerieren. Anders als in vielen arabischen Staaten hegt die iranische Bevölkerung Sympathie für den Westen. Viele Familien haben Verwandte dort. Jedes Jahr kehren 150.000 Hochtalentierte ihrer Heimat den Rücken.

Und so setzt Hassan Ruhani bei seiner Öffnungspolitik vor allem auf Europa. Mit den Vereinigten Staaten wieder anzuknüpfen, ist weitaus vertrackter – auch wenn in der politischen Elite der Islamischen Republik die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu Washington inzwischen als der Jackpot außenpolitischer Regierungskunst gilt. Das Misstrauen sitzt tief. Für viele Iraner ist der vom CIA 1953 organisierte Putsch gegen Mohammed Mossadeq, den ersten demokratisch gewählten Premier Irans, genauso unvergessen wie die Waffenhilfe für Saddam Hussein im irakisch-iranischen Krieg von 1980 bis 1988.

Im Verhältnis zu Europa setzt Ruhani auf Wandel durch Annäherung. Die 78 Millionen Landsleute überzeugte er mit der Formel Außenpolitik ist Innenpolitik, die seine konservativen Kontrahenten zur Weißglut reizt. Eine Entspannung im Äußeren werde eine Entspannung im Inneren nach sich ziehen, versprach der gewiefte Geistliche seinen zermürbten Mitbürgern. Seit dem Atomerfolg in Genf machen seine heimischen Gegner nun mobil, um dieses brisante Doppelversprechen zu torpedieren.

Viele Hardliner sind Entspannungsverlierer. Ihre Macht im Inneren bröckelt, ihre üppigen Schwarzgeschäfte unter dem Sanktionsregime haben sich in Luft aufgelöst. Die nächste Kraftprobe ist mit den kommenden Parlamentswahlen bereits in vollem Gange. Denn der ultraorthodoxe Wächterrat blockiert praktisch sämtliche Reformkandidaten, was die Abstimmung am 26. Februar zur absoluten Farce machen würde. Selbst Khomeini-Enkel Hassan, der für seine aufgeklärten Ansichten bekannt ist, darf nicht antreten. Und so muss der diese Woche in Rom und Paris hofierte Ruhani nächste Woche daheim wieder harte Bretter bohren. Außenpolitik ist Innenpolitik – den Schwung seiner Europareise kann er dabei gut gebrauchen.