Im Osten Syriens, berichten Menschenrechtsorganisationen, habe der "Islamische Staat"  am vergangenen Wochenende erneut ein Massaker verübt. Mehr als 130 Menschen, darunter Frauen und Kinder, seien ermordet, weitere 400 verschleppt worden.

Als Zeichen der Stärke sollte man die Untat der Terroristen nicht deuten. Nach allem, was wir wissen, ist der IS militärisch in die Defensive geraten. Möglicherweise schlägt er gerade deshalb mit besonderer Brutalität zu.

Im Irak hat der IS in den vergangenen Monaten 40 Prozent des von ihm kontrollierten Territoriums verloren, in Syrien zehn Prozent des von ihm beherrschten Gebiets. Zehn hohe IS-Führer wurden zu Jahresbeginn bei Operationen der internationalen Anti-IS-Koalition getötet. Und seitdem die Türkei die Grenze zu Syrien schärfer bewacht, lässt der Zustrom ausländischer Kämpfer nach.

Die bisher größte Niederlage des IS aber war die Rückeroberung der Stadt Ramadi durch die irakischen Streitkräfte im Dezember. Für die Regierung in Bagdad allerdings wurde es ein bitterer Triumph: Ramadi liegt zu großen Teilen in Trümmern, 80 Prozent der Häuser sollen beschädigt sein.

Kein Zweifel, in seinem Kerngebiet ist der "Islamische Staat" erheblich unter Druck geraten. Die fortwährenden Luftschläge der Anti-IS-Koalition setzen ihm genauso zu wie die Vorstöße der Kurden und der irakischen Armee am Boden. Vor gut einem Jahr sind die Soldaten Bagdads noch in Panik vor den IS-Kämpfern geflohen, voller Angst vor der Brutalität der Dschihadisten. Jetzt halten sie ihnen nicht nur Stand, sie sind zur Gegenoffensive übergegangen.

Noch stehen Bagdads Streitkräfte aber vor ihrer größten Herausforderung. Im Mai 2014 besetzte der "Islamische Staat" Mossul, die zweitgrößte Stadt des Iraks. "In diesem Jahr", so hat Premierminister Haider al-Abadi verkündet, soll der IS aus der Stadt vertrieben werden. Ist das realistisch?

"Kampf um Mossul hat bereits begonnen"

Ja, sagt ein hochrangiger amerikanischer Regierungsmitarbeiter, der mit den Operationen der Anti-IS-Koalition vertraut ist, "der Kampf um Mossul hat bereits begonnen". Noch wird um die Stadt nicht gekämpft, aber wie im Fall von Rakka, der syrischen "Hauptstadt" des IS, versucht die Anti-IS-Koalition auch Mossul zu isolieren. So wurde die Straßenverbindung zwischen Rakka und Mossul unterbrochen, im Osten Mossuls beziehen kurdische Peschmerga Stellung, die engsten Verbündeten Bagdads im Kampf gegen den IS.

Iraks Premier Abadi und Kurdenführer Barzani, heißt es in der Koalition, hätten sich auf die Stationierung der kurdischen Kämpfer dort geeinigt. Spezialeinheiten aus den Mitgliedsländern der Koalition, vor allem aus den USA, helfen dabei, den Angriff vorzubereiten. Das Tempo der Operation aber bestimme Bagdad, sagt der US-Regierungsvertreter. "In diesem Jahr – das hört sich für uns vernünftig an."

Wird sich 2016 das Blatt tatsächlich gegen den "Islamischen Staat" wenden? Der IS mag geschwächt sein, aber er ist immer noch schlagkräftig und außerordentlich anpassungsfähig. Vor allem jedoch scheut er vor keiner Gewalttat zurück. Deshalb warnen gerade amerikanische Militärs davor, die derzeitigen Erfolge zu überschätzen.

Fest steht: Der IS  kann nicht allein in Syrien und im Irak besiegt werden. Immer aggressiver weitet er sein Aktionsfeld aus, errichtet "Provinzen" von Nordafrika bis nach Südostasien. "Es ist offenkundig", schreibt der Nahost-Experte Anthony H. Cordesman vom Center for Strategic & International Studies (CSIS) in Washington: "Je mehr der IS die Kontrolle über Gebiete in Syrien und im Irak verliert, desto mehr wird er versuchen, sich auszudehnen und sowohl westliche Länder, die muslimische Staaten im Kampf gegen den IS unterstützen, als auch moderate muslimische Regierungen und Bevölkerungen anzugreifen."

Genau das ist in den vergangenen Wochen mit den Anschlägen von Paris, Istanbul und Jakarta geschehen. Selbst wenn es also gelänge, den Nimbus des "Kalifats" zu zerstören, der den IS für Dschihadisten in aller Welt so attraktiv macht, den Anspruch nämlich, einen eigenen, funktionstüchtigen Staat zu errichten – so wäre dies doch allenfalls der Beginn eines sehr langen Weges. Es wird viele Jahre dauern, bis der IS besiegt sein wird – "Generationen", wie es vor einiger Zeit ein US-General sagte.