Afrika entwickelt sich zum neuen Schauplatz des islamistischen Terrors. Zuletzt griffen Terrorkommandos Hotels in Burkina Faso und Mali an. Dabei kamen auch viele Ausländer ums Leben. Der "Islamische Staat" (IS) hat auf dem Kontinent längst Fuß gefasst. Von Libyen aus will er die Region erobern. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) warnt jetzt vor einer "Achse des Terrors" in Nordafrika. Sie sagt, Deutschland werde seinen Beitrag leisten, dies zu verhindern.

Welche Rolle spielt Libyen für die Stabilität Nordafrikas?

Libyen ist ein reiches Land. Zumindest hat es durch seine Rohstoffreserven großes Potenzial. Der frühere Machthaber Muammar al Gaddafi konnte sich daher auch eine sehr gut ausgerüstete Armee leisten. Das wird dem Land und seinen Nachbarn nun zum Verhängnis. Denn seit Gaddafis Sturz 2011 blüht der Waffenschmuggel in Nordafrika. Das Land glitt in einen Bürgerkrieg, an dem neben der Armee viele Milizen beteiligt sind. Die finanzieren sich unter anderem durch Geschäfte mit erbeuteten Waffen. Aber auch in der Armee selbst verdienen nicht wenige Geld am Waffenhandel.

Der Inhalt ganzer Armeedepots gelangt so über die Sahara in die Konfliktherde der Region. Der Bürgerkrieg zwischen der international anerkannten libyschen Regierung und einer islamistischen Gegenregierung ist außerdem zu einer Art Kämpferschmiede geworden. Extremisten aus Mali, Algerien oder auch Tunesien lernen hier das militärische Handwerkszeug für Angriffe und Anschläge in ihren Heimatländern. Auch viele Mitglieder von Boko Haram in Nigeria haben ihre ersten Kampferfahrungen in Libyen gesammelt.

Wie stark ist der IS inzwischen in Libyen?

Für die Dschihadisten ist Libyen inzwischen so etwas wie ein Terror-Paradies auf Erden. Seit Jahren herrscht in dem Land Chaos. Staatliche Strukturen sind nicht mehr vorhanden. Von militärischem Widerstand kann kaum die Rede sein, geschweige denn von einer funktionierenden Regierung. Und in Syrien wie dem Irak haben die "Gotteskrieger" viel Erfahrung gesammelt, wie man ein derartiges Machtvakuum effektiv nutzt. Kein Wunder, dass die Propagandisten der Extremistenmiliz Libyen als wichtige Basis ihres "Kalifats" und damit als Aufmarschgebiet betrachten.

Laut Diplomaten und Experten halten sich derzeit 3.000 bis 4.000 IS-Kämpfer in dem nordafrikanischen Krisenland auf, Tendenz steigend. Vor einem Jahr waren es nur wenige Hundert. Mittlerweile kontrolliert der "Islamische Staat" nicht nur große Teile der Küstenregion, sondern auch die wichtige Hafenstadt Sirte, Geburtsort und Rückzugsgebiet des einstigen Diktators Gaddafi.

Nach einem blutig niedergeschlagenen Aufstand der Einwohner im August 2015 haben die Islamisten dort nach übereinstimmenden Berichten ein Regiment des Schreckens errichtet. Offenbar versucht der IS nun, seinen Machtbereich auszudehnen – vor allem Richtung Westen. Denn dort befinden sich wichtige Ölvorkommen. Und die versprechen gute Einnahmen, mit denen der Terror finanziert werden kann.

Was kann die Bundeswehr in Libyen und der Region tun?

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schließt nicht aus, dass sich Deutschland militärisch in Libyen engagiert. Das Wichtigste sei derzeit, das Land zu stabilisieren und dafür zu sorgen, dass es eine funktionsfähige Regierung bekomme, sagte Leyen in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung. Die Regierung werde dann schnell Hilfe benötigen, Recht und Ordnung in diesem riesigen Staat durchzusetzen und gleichzeitig gegen den Islamistenterror zu kämpfen. "Deutschland wird sich nicht der Verantwortung entziehen können, dabei einen Beitrag zu leisten", sagte von der Leyen. Details nannte sie nicht.

Das Verteidigungsministerium wies am Montag darauf hin, dass es für einen Bundeswehreinsatz in Libyen keine konkreten Planungen gebe. Die Ministerin habe in dem Interview deutlich gemacht, dass zunächst die Diplomatie gefragt sei, um den Bürgerkrieg in dem nordafrikanischen Land zu beenden, sagte ein Sprecher am Montag dem Tagesspiegel. Wie ein militärischer Beitrag Deutschlands nach einem Friedensschluss aussehen könnte, sei völlig offen. Schon jetzt sind etwa 240 deutsche Soldaten in der Region stationiert – vor allem in Mali, aber auch in Somalia, im Sudan und im Südsudan.

Dort überwachen sie Friedensabkommen oder bilden Streitkräfte aus. In Somalia und in Mali geschieht dies, damit sich die jeweiligen Staaten gegen radikale Islamisten zur Wehr setzen können. In Mali wird sich die Bundeswehr künftig aber auch stärker als bisher an der UN-Friedensmission beteiligen, die 2013 entsandt wurde, um das von Islamisten bedrohte Land zu stabilisieren.