Die Bundesregierung hat im Gegensatz zur türkischen Regierung beim Anschlag in Istanbul noch Zweifel an der Identität des mutmaßlichen Täters. Der Attentäter ist nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) durch Personaldokumente identifiziert worden. "Man hat diesen Mann insoweit identifiziert, dass es ein Personaldokument gibt, aber ob dieses Personaldokument zu diesem Mann gehört, ist alles noch Gegenstand der Aufklärung", sagt de Maizière in der ARD.

Deutschland habe zunächst vier BKA-Beamte nach Istanbul geschickt. Diese bekämen vollen Zugang zu allen Ermittlungsergebnissen. Die Zahl der bei dem Attentat getöteten Deutschen liegt nach Angaben der Bundesregierung bei zehn. Das Auswärtige Amt teilte mit, in Krankenhäusern in Istanbul seien noch sieben weitere Bundesbürger, fünf von ihnen auf der Intensivstation. Der türkische Innenminister Efkan Âlâ sagte, insgesamt würden elf Verletzte noch in Krankenhäusern behandelt, darunter auch ein Norweger und ein Peruaner.

Im Zentrum von Istanbuls Altstadtviertel Sultanahmet hatte sich am Dienstagmorgen ein Attentäter vor einer deutschen Reisegruppe in die Luft gesprengt und zehn Bundesbürger mit in den Tod gerissen. Die Türkei macht für die Tat die Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) verantwortlich. Diese hat sich allerdings bislang noch nicht zu dem Anschlag bekannt, was ungewöhnlich ist. Die türkischen Behörden hatten schon wenige Stunden nach dem Anschlag verkündet, der Attentäter sei ein 27 oder 28 Jahre alter Syrer, der sich als Flüchtling getarnt habe und von Syrien aus eingereist sei. Er ließ sich laut Innenminister Âlâ vor einer Woche in einem Flüchtlingsbüro in Istanbul registrieren. Dabei habe er seine Fingerabdrücke abgegeben, mit denen er jetzt schnell identifiziert worden sei.

Die Zahl der im Zuge der Ermittlungen zum Anschlag Festgenommenen erhöhte sich nach Regierungsangaben auf fünf. Am Mittwoch sei es zu vier weiteren Festnahmen gekommen, sagte Regierungschef Ahmet Davutoğlu. Nach Angaben von Âlâ war ein erster Verdächtiger bereits am Dienstagabend festgenommen worden. Die türkische Polizei nahm am Mittwoch zudem 13 weitere mutmaßliche IS-Extremisten fest, darunter drei Russen. Ob die Festnahmen in direktem Zusammenhang mit dem Anschlag von Istanbul standen, war unklar. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, am Dienstag seien 59 Personen in Gewahrsam genommen worden.

Nach Angaben des Bundesinnenministers gibt es bislang keinen Hinweis darauf, dass die Attacke gezielt gegen Deutsche gerichtet gewesen sei. Von dem Anschlag könne keine Verbindung zum Beitrag Deutschlands im Kampf gegen den internationalen Terrorismus gezogen werden. An der Haltung der Regierung in Ankara zum IS hat de Maizière nach eigener Aussage keine Zweifel. Der Türkei war von Kritikern vorgeworfen worden, IS-Kämpfern relativ ungehinderte Bewegungsfreiheit über die türkisch-syrische Grenze zu ermöglichen. Spätestens nach dem verheerenden Anschlag im letzten Herbst, so der Innenminister, "ist die Haltung gegen diesen islamischen Staat und die Terroristen eindeutig."

Tote bei Anschlag im Südosten

Im Südosten der Türkei sind bei einem Autobombenanschlag auf eine Polizeistation in der Nacht mindestens fünf Menschen getötet und 39 weitere verletzt worden. Der Anschlag sei von Anhängern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Stadt Çınar in der Provinz Diyarbakır verübt worden, teilten die Behörden der Region laut Medienberichten mit. Zwei Menschen wurden den Angaben zufolge direkt durch den Autobombenanschlag getötet. Drei weitere Menschen starben demnach, als ein angrenzendes Gebäude infolge der Schäden einstürzte.

Nach vorherigen Medienberichten wurde die Polizeistation schwer beschädigt. Auch naheliegende Polizeiunterkünfte seien angegriffen worden, wodurch Frauen und Kinder von türkischen Polizisten verletzt worden seien, berichtete die Nachrichtenagentur Doğan. Demnach kam es nach dem Bombenanschlag auch zu Raketen- und Schusswaffenangriffen.

Der jahrzehntelange Konflikt der Regierung in Ankara mit der PKK war im Sommer wieder eskaliert, der Friedensprozess kam zum Erliegen. Die Armee geht in den Kurdengebieten im Südosten des Landes seit Dezember mit aller Härte gegen Aktivisten vor. In mehreren Städten herrschen kriegsähnliche Zustände.