Nach Luftanschlägen begutachten Passanten einen Krater in Jemens Hauptstadt Sanaa. © MOHAMMED HUWAIS/AFP/Getty Images

"Das Ausmaß der weltweiten Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden im Jemen ist schockierend", sagte Donatella Rovera von Amnesty International kürzlich. Und tatsächlich: Durch den Syrien-Krieg, die Massaker des "Islamischen Staats" (IS) und Terroranschläge auf westliche Ziele ist der Jemen weitgehend aus der medialen Wahrnehmung verschwunden.

Dabei schlagen Hilfsorganisationen seit Monaten Alarm: Im Jemen herrsche eine humanitäre Katastrophe, die den Horror des Kriegs in Syrien noch übersteige. Längst hat sich der Bürgerkrieg zu einem Stellvertreterkrieg mit internationaler Beteiligung ausgeweitet. Auf der einen Seite stehen die vom Iran unterstützten schiitischen Huthi-Rebellen und Soldaten des Ex-Präsidenten Ali Abdullah Saleh. Sie kämpfen gegen Anhänger von Staatschef Abed Rabbo Mansur Hadi, die von sunnitischen Staaten unter Führung von Saudi-Arabien mit Luftangriffen unterstützt werden. Kritik gibt es vor allem an den Luftschlägen der Saudis und den arabischen Verbündeten. Die Militärkoalition sollte das Land eigentlich stabilisieren. Stattdessen hat sie bei ihren flächendeckenden Bombardements mutmaßlich schwere Kriegsverbrechen begangen, wie ein Bericht von Amnesty International nahelegt.

Die Lage im Land ist katastrophal: Nach UN-Angaben wurden in dem Konflikt seit März 2015 etwa 6.000 Menschen getötet, fast die Hälfte der Opfer waren Zivilisten. 80 Prozent der Bevölkerung sind laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR auf Hilfslieferungen angewiesen, darunter auch die 2,3 Millionen Vertriebenen innerhalb des Landes. Vom Chaos im Jemen profitieren militante Gruppen wie Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH) und der IS. Nach immer wieder aufflammenden Kämpfen sind die Gespräche zwischen Huthi-Rebellen und der Regierung gescheitert. Ein Ende des Bürgerkriegs ist also nicht in Sicht. Das ohnehin ärmste Land des Nahen Ostens wird weiter destabilisiert. 

Jemen - Tote bei saudi-arabisch geführtem Luftangriff auf Ölverwertungsanlage Bei einem Luftangriff der saudi-arabisch geführten Koalition im Jemen sind mindestens neun Menschen getötet worden. Ziel des Angriffs war eine von den Huthi-Rebellen betriebene Ölverwertungsanlage.

Wie ist es für junge Menschen, die 2011 die Revolution erlebten und dann aus ihrer Heimat fliehen mussten? Zwei junge Jemeniten aus dem Norden und dem Süden des Landes berichten für ZEIT ONLINE von ihren Träumen für und Ängsten um ihre Heimat:

"Eine Rückkehr wäre für mich lebensgefährlich"

"Ich habe den Jemen im Oktober 2014 verlassen. Da hatten die Huthi-Rebellen bereits unsere Hauptstadt Sanaa eingenommen und waren dabei, weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Zeichen standen schon auf Krieg. Ich habe ein Jahr in England gelebt, seit einigen Monaten bin ich in Deutschland. Ich möchte hier mein Medizinstudium beenden und in Frieden leben. Ich habe im Jemen viele Drohungen bekommen, von religiösen Fanatikern wie Al-Kaida und dem 'Islamischen Staat', aber auch von Stämmen.

© Rooj Alwazir

Ich bin als politischer Aktivist im Jemen bekannt. Der einstige Präsident Ali Abdullah Saleh, der die Huthi-Rebellen unterstützt und sich so für seinen Sturz 2011 rächen will, hat Banden um sich herum organisiert. Sie sollen seine Kritiker verfolgen. Leute wie mich. Denn ich war sehr kritisch gegen sein Regime.

Als 2011 die Revolution im Jemen ausbrach, hoffte ich wie alle anderen jungen Leute auf eines: sozialen Wandel. 30 Jahre lang hat Ex-Präsident Saleh um sich herum ein Netzwerk von korrupten Führern aufgebaut. Mehr noch: Bestechung und Willkür waren allgegenwärtig – an den Schulen und Universitäten, in den Kliniken, Regierungsbehörden. 2011 ließ sich unsere Wut über diese Ungerechtigkeiten nicht mehr unterdrücken. Der Aufstand in Tunesien hatte uns Junge bestärkt, aufzubegehren. Dass die Proteste bald eine ähnliche Dimension wie dort haben würden, haben wir jedoch nicht erwartet.

Am Anfang protestierten die Studenten vor der Universität gegen Korruption, aber auch gegen die vielen Waffen und Konflikte in unserem Land. Wir sind mit dem Krieg aufgewachsen. Vier Jahre nach der Vereinigung von Nord- und Südjemen 1990 hatten wir einen Bürgerkrieg, auch danach gab es immer wieder blutige Konflikte zwischen den Huthi-Rebellen und der Regierung sowie zwischen diversen Milizen und Stämmen. Die Revolution war eine Chance für uns, zu zeigen, dass wir keinen Krieg mehr wollen. Dass wir endlich in Sicherheit leben wollen. Die Menge der Demonstranten auf den Straßen wuchs jeden Tag, die Fernsehkameras brachten unsere Proteste in die Welt. Alle waren dort: Straßenverkäufer, Geschäftsleute, Putzleute, Bauern. Es war ein großes Fest. Wir hatten Zelte in der Innenstadt von Sanaa stehen, zehn Monate lang. Dort haben wir diskutiert, Lieder gesungen, gemeinsam Nachrichten geschaut.

Ich habe in der Zeit mit Freunden eine Künstlergruppe gegründet, wir nannten sie '3 Meters away' (3 Meter entfernt). Wir haben Workshops, Diskussionsrunden und Performances veranstaltet, aber auch Songs komponiert. Ich habe für die Demonstranten auf der Straße gespielt. Einige meiner Lieder wurden später zu Protesthymnen.

Die Revolution war in diesen Monaten ein Aufbäumen der jungen urbanen Intelligenz. Wir hatten engen Kontakt zu Regierungsvertretern und Ministern der Übergangsregierung. Sie waren offen für unsere Anregungen. Frauen konnten sich für Posten bewerben, es wurde erstmals über Dinge wie Gleichberechtigung diskutiert. So viel schien möglich in jener Zeit.

Aber dann kippte die Stimmung. Erst schlugen die Sicherheitskräfte des Regimes zurück, postierten Scharfschützen auf den Dächern und Panzer an den Kreuzungen. Es gab Massaker an den Zivilisten. Dann mischten sich die Huthi-Rebellen unter die Protestierenden. Sie verwandelten den friedlichen Protest in einen bewaffneten Widerstand gegen die Übergangsregierung. Mit ihnen veränderte sich das Gesicht der Proteste. Die Studenten wurden weniger, Frauen kamen gar nicht mehr. Die Rebellen haben uns die Revolution aus den Händen genommen. Der Übergangspräsident Hadi floh nach Saudi-Arabien und fragte dort nach Unterstützung für den Kampf gegen die Rebellen.

Seit 2014 herrscht wieder Krieg im Jemen. Jeder kämpft gegen jeden. Die Koalition unter Führung von Saudi-Arabien bekämpft die Huthi-Rebellen, die Iraner wiederum stützen die Rebellen, dazwischen sind Milizen, Stämme, Banden, religiöse Extremisten. Es herrscht das komplette Chaos. Einige meiner Freunde wurden gekidnappt, Bekannte von Stämmen oder Banden des abgesetzten Präsidenten umgebracht. Für meine Familie ist die Lage desaströs. Es gibt keine funktionierende Elektrizität, kaum Wasser, keine Lohnzahlungen.

Ich werde für lange Zeit nicht zurückkehren können. Mein Name ist im Jemen zu bekannt, es wäre für mich lebensgefährlich. Eines Tages aber möchte ich zurück in meine Heimat, so wie auch alle meine Freunde, die den Jemen verlassen mussten. Wir wollen das, was wir im Ausland gelernt haben, unserer Gesellschaft zurückgeben. Das sind wir unserem Land schuldig.

Natürlich sind wir enttäuscht, wie die Revolution gelaufen ist. Ich träume noch immer von einem sozialen Wandel im Jemen. Davon, dass freie Meinungsäußerung als Wert in unserer Gesellschaft anerkannt wird. Dass Toleranz ein feststehender Begriff wird. Dass wir ein wettbewerbsfähiges Land werden, in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Es wird viele Jahre und Generationen brauchen, bevor es einen wirklichen Wandel geben kann. Eine Revolution ist kein Prozess, der heute beginnt und morgen aufhört. Es ist ein Prozess, der über lange Zeit anhält."