Flüchtling nach seiner Ankunft auf dem Münchner Hauptbahnhof im September © Sven Hoppe / dpa

Deutschland war medial in der arabischen Welt noch nie so präsent wie seit Ende 2015. Bisher war unser Land in der Wahrnehmung arabischer Menschen und Medien eher eine Randerscheinung auf der politischen Bühne. Die USA, China, Russland, Großbritannien, Frankreich, der Iran. Das waren die maßgeblichen politischen Player für die Region und bestimmten die täglichen Politikschlagzeilen in den Medien. Deutsche Autos natürlich, aber auch deutsche Küchen (!), das liebt die arabische Welt. Politisch hat sich Berlin lange überschätzt dabei, welche Aufmerksamkeit die deutsche Rolle in der Region hat. Das hat sich grundlegend geändert.

Die USA sind außenpolitisch weit entfernt von ihrer Bedeutung von vor zehn Jahren – als Washington quasi im Alleingang Kriege in der arabischen Welt startete und Verbündete mit mehr oder weniger Druck zum Mitmachen brachte.

Der deutsche Weg in der Flüchtlingspolitik steht im medialen Fokus und wird von vielen Journalisten als Experiment beurteilt – das derzeit womöglich vor dem Aus steht. So berichtet der panarabische Sender Al-Arabiya (Dubai) groß über Übergriffe gegen arabische und pakistanische Ausländer nach den Geschehnissen von Köln – und impliziert damit, dass es eine neue Gewaltbereitschaft bei uns gibt.

Auch der zweite große Nachrichtensender der Region, Al-Jazeera (Doha), kommt zu diesem Schluss. "In Deutschland steigt nach den Geschehnissen von Köln die Feindseligkeit gegenüber Muslimen." Weiter heißt es: "Die Ereignisse von Neujahr in Köln (…) haben eine neue Ebene des Hasses gegen führende muslimische Organisationen in Deutschland und Helfer ausgelöst." Al-Jazeera führt dazu lange Zitate des Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Muslime, Aiman Mazyek, an. Und auch der populäre Sender Sky News Arabia (Abu Dhabi) nimmt die Übergriffe auf einen Syrer und mehrere Pakistani in Köln ebenfalls zum Anlass, über eine gestiegene Aggressivität gegenüber Ausländern in Deutschland zu berichten. Die Flüchtlingspolitik der Regierungschefin stehe jetzt auf dem Prüfstand: "Die Vorfälle haben eine große öffentliche Debatte über den Kurs der Kanzlerin ausgelöst."

Auch die Printmedien der Region stimmen dieser Auffassung zu. Die viel gelesene ägyptische Zeitung al-Ahram stellt in der Berichterstattung fest, dass "die Geschehnisse von Köln die Parole der Kanzlerin 'Wir schaffen das' zunichtegemacht" habe. Die libanesische Zeitung al-Nahar greift die Reaktion des Bundeskabinetts auf und titelt: "Die Regierung erleichtert die Abschiebung von kriminellen Ausländern." Al-Nahar spricht von einem Schockzustand, in dem sich Deutschland seit der Silvesternacht befinde und der nun die Regierungskoalition zum Handeln zwinge.

Schrille Töne kommen derweil aus einer ganz anderen Ecke. Das auf Arabisch sendende russische Staats-TV Russiya al-Youm (Russland heute, kurz RT), erfreut sich bei arabischen Zuschauern großer Beliebtheit, weil die Berichterstattung häufig antiwestlich ist und somit eine mediale Opposition darstellt zu dem, was auch auf Arabisch aus dem Westen in die Region ausgestrahlt wird. Das ist auch bei den Geschehnissen von Köln deutlich zu bemerken. RT betrachtet mit einiger Schadenfreude, wie die deutsche Willkommenskultur unter Druck gerät – und hetzt gegen syrische Flüchtlinge. Gleichzeitig thematisiert RT die Nahostpolitik des Westens aus seiner Sicht und fragt: "Liegt der Ursprung der Flüchtlingskrise nicht in dem Vorhaben des Westens, mit Bomben und Raketen Demokratie in den Irak, Libyen, Syrien und Afghanistan bringen zu wollen?" Damit untermauert der russische Staatssender auf Arabisch das, was viele Menschen im Nahen Osten bereits denken.

Traum der Traumatisierten beendet

Auch westliche Sender, die arabische Programme unterhalten, beobachten aufmerksam, wie sich die politische Stimmung in Deutschland entwickelt – beispielsweise das arabische Programm der BBC. Dort heißt es, Deutschland "beende den Traum der von Kriegen traumatisierten Menschen im Nahen Osten", die ihre Hoffnungen auf eine Flucht zu uns gesetzt hätten.

Ein interessanter Stimmungsmesser dafür, wie auf Deutschland geblickt wird, sind die sozialen Medien, insbesondere die Kommentare zu der Berichterstattung der großen Medien. "Wir lieben dich" – Kollagen mit dem Konterfrei der Bundeskanzlerin und dieser Aufschrift verbreiteten sich im vergangenen Jahr in den sozialen Netzwerken, nachdem Angela Merkel das sogenannte Dublin-Verfahren außer Kraft gesetzt und damit den Zustrom einer großen Zahl von Flüchtlingen nach Deutschland erst möglich gemacht hatte. Inzwischen kommentieren arabische Zuschauer und Leser die deutsche Politik sehr viel kritischer. "Hat Sie geahnt, welche Folgen ihr Handeln haben wird?", fragt ein Leser auf der Website der Zeitung al-Ahram.

Zusammenfassend gehen die Pressestimmen in der arabischen Welt zumeist davon aus, dass Deutschland in Kürze die Aufnahme von Flüchtlingen drastisch reduzieren wird. Die öffentliche Meinung im Land habe sich weit weg entwickelt von der Willkommensstimmung. Auch der wachsende Druck auf Merkel in der eigenen Partei ist inzwischen Gegenstand der Berichterstattung. Ihre Kanzlerschaft sehen arabische Medien aber – noch – nicht gefährdet.