Nicht nur Brüssel, auch Washington wird langsam nervös. Man sei extrem beunruhigt über die "Metastasen des IS in Libyen", hieß es diese Woche aus dem Pentagon. Zusätzlich zu Syrien und dem Irak wollen die US-Generäle in den nächsten Wochen offenbar eine dritte Front gegen den "Islamischen Staat" eröffnen und die Gotteskrieger auch in Nordafrika angreifen. Man prüfe verschiedene Optionen für eine "entschiedene militärische Konfrontation", hörte man aus dem US-Oberkommando.

Eine amerikanische Spezialeinheit ist schon in Libyen aktiv, um Kontakt mit örtlichen Milizen aufzunehmen und die Lage insgesamt zu erkunden. Frankreich, Großbritannien und die ehemalige Kolonialmacht Italien werden ebenfalls mitbomben, wie ihre Regierungen nach algerischen Medienberichten den libyschen Nachbarn Algerien und Tunesien in den vergangenen Tagen mitteilten. Französische Aufklärungsflugzeuge operieren bereits am Himmel über Libyen, dessen Diktator Muammar al-Gaddafi nach einem achtmonatigen Bürgerkrieg und massiven Nato-Luftschlägen im Oktober 2011 seine Macht und sein Leben verlor.

Auch Deutschland schließt nach den Worten von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Außenminister Frank-Walter Steinmeier nicht aus, Bundeswehrsoldaten "zur Stabilisierung des Landes" nach Libyen zu schicken. Berlin denkt nicht an einen Kampfeinsatz gegen den IS. Die Truppen sollen stattdessen den libyschen Sicherheitskräften helfen, Recht und Ordnung wiederherzustellen, sobald sich die politischen Kontrahenten auf eine Regierung der Nationalen Einheit geeinigt haben.

"Bestimmte Persönlichkeiten" lassen Diplomatie scheitern

Doch danach sieht es nicht aus. Die Mission des US-Libyen-Vermittlers und deutschen Diplomaten Martin Kobler erlitt diese Woche einen schweren Rückschlag, weil die verfeindeten Parlamente in Tripolis und Tobruk die in monatelanger Kleinarbeit ausgehandelte Einheitsregierung ablehnten und niederstimmten. Die international anerkannte Volksvertretung in Tobruk stört vor allem, dass ihr Verteidigungsminister General Khalifa Haftar keinen Platz mehr am gesamtlibyschen Kabinettstisch haben soll. Haftar gilt als Scharfmacher und trägt erhebliche Mitverantwortung für die innere Polarisierung des Landes, seit seine Truppen in Bengasi gegen islamistische Milizen vorgingen und dabei die halbe Stadt in Schutt und Asche legten.

Der politische Versöhnungsprozess sei langsamer als die Expansion des "Islamischen Staate", kommentierte der UN-Gesandte Kobler den diplomatischen Kollaps, für den er "bestimmte Persönlichkeiten" verantwortlich machte. Ähnlich frustriert reagierte auch das Parlament der Europäischen Union, deren Nationen sich von der neuen Terrorbastion auf libyschem Boden, 400 Kilometer von ihren Küsten entfernt, mehr und mehr bedroht fühlen. Brüssel kündigte an, man werde gegen die Quertreiber auf beiden Seiten Sanktionen und Einreiseverbote verhängen. Ein Dorn im Auge sind den Europäern vor allem Parlamentspräsident Nouri Abusahmain und Regierungschef Khalifa al-Ghwell in Tripolis sowie Parlamentspräsident Aguila Saleh in Tobruk.

"Die Terroristen schaffen Fakten"

Denn von dem fortdauernden Chaos profitieren vor allem die Fanatiker des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi, die ihre Macht vis-à-vis von Europa immer weiter ausbauen. 3.000 Kämpfer sollen sich der Terrormiliz bereits angeschlossen haben, der Zustrom aus Tunesien, Marokko und Ägypten ist ungebrochen. Alle Attentäter der drei Terrormassaker in Tunesien gegen Touristen und Wachsoldaten des Präsidenten waren in Libyen ausgebildet worden. Mitte der Woche verhaftete die algerische Polizei auf dem Flughafen von Algier Hunderte junger marokkanischer IS-Rekruten, die auf der Durchreise nach Tripolis waren. Danach stellte Algerien sofort seinen Flugverkehr mit dem zerfallenen Nachbarstaat ein.

Nach Einschätzung des EU-Anti-Terror-Koordinators Gilles de Kerchove könnten demnächst auch hohe IS-Kommandeure aus Mesopotamien in Libyen Zuflucht suchen, "weil es dort bisher keine Luftangriffe gibt und keine funktionsfähige Regierung". Der 400 Kilometer lange Küstenstreifen von Gaddafis Geburtsstadt Sirte bis ins östliche Adschdabija steht bereits weitgehend unter Kontrolle der Extremisten. Hier wird der Großteil der Ölförderung Libyens verladen, deren Profite die Terrormiliz gern in ihre eigene Kriegskasse lenken würde. Bei Gefechten um die Verladeanlage von Ras Lanuf schossen die Gotteskrieger kürzlich vier der riesigen Speicher mit insgesamt zwei Millionen Barrel Rohöl in Brand. Einen IS-Angriff von See her auf das Ölterminal von Zueitina konnten Wachmannschaften zunächst einmal zurückschlagen. "Die Terroristen schaffen Fakten und rauben dem libyschen Volk immer mehr von seinem Territorium", warnte UN-Diplomat Kobler, "während die Politiker nach wie vor diskutieren."