Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte hat die Vollstreckung der Todesstrafe an Nimr al-Nimr durch Saudi-Arabien kritisiert. Weder bei dem schiitischen Geistlichen noch bei anderen der insgesamt 47 Hingerichteten seien die strengen Maßstäbe internationalen Rechts für die Todesstrafe erfüllt gewesen, sagte Said Raad al-Hussein in Genf. Al-Nimr war im Oktober 2014 unter dem Vorwurf des Aufruhrs, Ungehorsams gegen das Herrscherhaus und der Förderung ausländischer Einmischung verurteilt worden.

Unter den "schwersten Verbrechen", für die die Todesstrafe als zulässig erachtet werde, verstehe man durchweg "Mord und andere Formen vorsätzlicher Tötung". Zudem seien ein ordentliches und faires Gerichtsverfahren sowie volle Transparenz Voraussetzung. Todesurteile seien "gewissenlos", wenn sie auf "unter Folter und Misshandlung erhaltenen Bekenntnissen oder Verfahren unterhalb internationaler Standards" basierten, kritisierte Hussein. Er forderte die Regierung in Riad auf, mit den UN und anderen Partnern an Alternativen zum Kampf gegen Terrorismus zusammenarbeiten.

Die Hinrichtung Al-Nimrs löste in etlichen Ländern heftige Kritik sowie Proteste aus. Der höchste schiitische Geistliche im Irak, Ajatollah Ali al-Sistani, verurteilte sie als "ungerecht". In der zentralirakischen Provinz Al-Wasit protestierten Hunderte Schiiten auf den Straßen gegen die Hinrichtung. Sie forderten die irakische Regierung auf, die erst im Dezember nach 25 Jahren wiedereröffnete saudische Botschaft in Bagdad erneut zu schließen.

Im indischen Teil Kaschmirs demonstrierten Tausende Schiiten an mehreren Orten gegen die Hinrichtung von Al-Nimr. Sie hielten Poster mit seinem Bild in die Höhe oder trugen schwarze Fahnen.

Irans oberster geistliche Führer, Ajatollah Ali Chamenei, verurteilte die Hinrichtungen scharf und erklärte am Sonntag, die "Rache Gottes" werde saudische Politiker treffen. Al-Nimr habe weder zum bewaffneten Aufstand aufgerufen, noch eine Verschwörung angezettelt, sondern nur die Regierung kritisiert. Die Revolutionsgarden sagten den Untergang der saudischen Monarchie voraus.

Im Iran hatten Demonstranten in der Nacht die Botschaft Riads in Teheran gestürmt und Teile des Gebäudes in Brand gesetzt. Augenzeugen berichteten, andere Teile der Botschaft seien von den Demonstranten verwüstet worden. Es habe heftige Zusammenstöße zwischen den Protestierenden und der Polizei gegeben. Die Behörden nahmen nach eigenen Angaben 40 Randalierer fest. Im benachbarten Bahrain, wo Schiiten die Mehrheit der Bevölkerung stellen, kam es bereits am Samstag zu Protesten.

Al-Nimr war am Samstag mit 46 weiteren Menschen wegen Terrorismusvorwürfen exekutiert worden. Der Iran – der schiitische Rivale des sunnitisch geprägten Saudi-Arabien – hatte mit Empörung auf die Hinrichtung reagiert. Irans geistliches Oberhaupt, Ajatollah Ali Chamenei, warnte das Königreich vor der "Rache Gottes". "Das ungerechtfertigt vergossene Blut dieses Märtyrers wird rasche Konsequenzen haben und die Hand Gottes wird Rache an der saudischen Führung nehmen", sagte Chamenei vor Geistlichen in Teheran. "Dieser Gelehrte ermutigte Menschen weder zu bewaffnetem Handeln, noch schmiedete er geheime Pläne. Das einzige, was er tat, war öffentlich Kritik zu äußern."

Das iranische Außenministerium verbot in einer Presseerklärung nach dem Angriff alle Versammlungen vor der saudischen Botschaft in Teheran und dem Konsulat in Maschhad im Nordostiran vorläufig. Dennoch wollen iranische Studenten offenbar erneut in Teheran gegen die Tötung al-Nimrs auf die Straße gehen. Nach einem Aufruf der islamischen Studentengemeinde sollen die Demonstranten vor das Gelände der saudischen Botschaft ziehen.

Neue Spannungen in der Region

Die Hinrichtungen in Saudi-Arabien lösten international Besorgnis vor neuen Spannungen in der Region aus. Auch die EU, der Europarat und deutsche Oppositionspolitiker kritisierten die Massenhinrichtungen. Die USA riefen Saudi-Arabien auf, die Menschenrechte zu respektieren und zu schützen.

Der 55-jährige Al-Nimr war wegen seiner Kritik an der Unterdrückung der religiösen Minderheit in Saudi-Arabien durch das sunnitische Königshaus eingesperrt worden. Der Aktivist war für seine Unterstützung friedlicher Proteste bekannt. Inspiriert von den Protesten der Arabellion hatte er im von Schiiten bewohnten Osten des Landes ab 2011 Demonstrationen organisiert.

Nach seiner Hinrichtung bestellte Irans Regierung den Vertreter des saudischen Botschafters ein. "Anstatt sich mit den (IS-) Terroristen zu beschäftigen, die die Region und die ganze Welt gefährden, lassen die Saudis eine Persönlichkeit wie al-Nimr hinrichten", sagte Irans Außenamtssprecher Dschaber Ansari.

Todesurteil wird als politisches Instrument genutzt

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty hatte in der Vergangenheit kritisiert, Saudi-Arabien setze das Todesurteil auch als politisches Instrument gegen die schiitische Minderheit ein, die etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmacht. In dem überwiegend sunnitischen Land waren bereits in den vergangenen Monaten schiitische Geistliche und Aktivisten zum Tode verurteilt worden.

Saudi-Arabien rechtfertigte die Exekutionen mit den terroristischen Taten der Betroffenen. Diese folgten "den Fußstapfen des Teufels. Durch ihre terroristischen Taten ist unschuldiges Blut vergossen worden mit dem Ziel, die Stabilität in diesem Land zu erschüttern", hieß es nach Angaben der staatlichen saudischen Nachrichtenagentur SPA in einer Stellungnahme des Innenministeriums in Riad.

Saudi-Arabien hatte 2015 laut Menschenrechtlern so viele Todesurteile vollstreckt wie seit 20 Jahren nicht mehr. Der Anstieg geht einher mit der Machtübernahme von König Salman im Januar. Von Januar bis November waren demnach mindestens 151 Menschen hingerichtet worden, hatte Amnesty mitgeteilt. Im gesamten Jahr 2014 seien es 90 gewesen. Die Verurteilten werden entweder enthauptet oder erschossen.