Eine Wasserstoffbombe war es wohl nicht, die Nordkorea am vergangenen Mittwoch getestet hat; dafür war die Stärke der unterirdischen Explosion zu gering. Diktator Kim Jong-un dürfte den Befehl zur Zündung einer "normalen" Atombombe gegeben haben. Was schlimm genug ist.

Es gibt viele grauenhafte Regimes auf dieser Erde, aber das furchtbarste von allen herrscht in Pjöngjang. Vor zwei Jahren hat eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen das ganze Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, für die es verantwortlich ist. Das Unrecht in Nordkorea schreit zum Himmel, und die Schuldigen gehören – wie es die Kommission empfiehlt – vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Und ausgerechnet dieses Land hat sich mittlerweile als veritable Atommacht etabliert. Der Atomtest in der vorigen Woche war schon der vierte, ihm sind Versuche in den Jahren 2006, 2009 und 2013 vorangegangen. Nordkorea verfügt sowohl über angereichertes Uran als auch über Plutonium. Und es hat bereits Langstreckenraketen getestet. Noch scheint das Land nicht in der Lage zu sein, Nuklearsprengköpfe so weit zu miniaturisieren, dass sie in eine Rakete passen; auch verfügt es noch nicht über eine Interkontinentalrakete, mit der es die Vereinigten Staaten erreichen könnte. Aber all dies scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.

Wenn es auf diesem Weg vorangeht, könnte Nordkorea zu einer der größten Bedrohungen für den Frieden und die Sicherheit überhaupt werden. Seit mehr als zwei Jahrzehnten versuchen die Weltmächte, das nordkoreanische Atomprogramm zu stoppen. Ohne jeden Erfolg. Warum gelingt im Falle Nordkoreas nicht, was im Falle Irans funktioniert hat? Dafür gibt es drei Gründe.

Zum einen herrscht in Nordkorea Totalitarismus pur. Die Macht konzentriert sich in den Händen eines Diktators und seines Clans. Es gibt, anders als im Iran, keine Gegenkräfte im Parlament, keine Gegenstimmen in der öffentlichen Meinung. Mit unglaublicher Brutalität und vollständiger Kontrolle schließt das Regime das Land nach außen ab. An dieser Panzerung prallt alle Diplomatie ab.

Zum zweiten praktiziert Nordkorea eine radikale Form der Autarkie. Seine Wirtschaft lebt nicht vom Handel, sondern von der Ausbeutung der eigenen Bürger. Mit Sanktionen ist das Regime nicht zum Einlenken zu bewegen. Die Folgen wären noch mehr Entbehrungen, noch mehr Elend, noch mehr Hunger.

Einige lebenswichtige Güter aber sind immer noch ins Land gelangt. Und damit sind wir beim dritten Grund, warum sich Nordkorea bisher jedem Druck widersetzen konnte. China hat bei allem Zorn über den unberechenbaren Nachbarn nie seine Lieferungen etwa von Öl und Lebensmitteln eingestellt. Auch deshalb blieben frühere Sanktionsbeschlüsse des UN-Sicherheitsrates wirkungslos.

Peking spielt ein doppeltes Spiel. Es verurteilte 2013 den bis dahin letzten Atomversuch Nordkoreas scharf, stimmte im Sicherheitsrat auch für Sanktionen. Aber dann setzte es wieder ein freundliches Gesicht auf und schickte im vorigen Herbst ein Mitglied des Politbüros nach Pjöngjang; dort nahm der Spitzenfunktionär an der Seite Kim Jong-uns die Militärparade zum 70. Gründungstag der Partei der Arbeit ab.

Peking wünscht keine nordkoreanischen Atomwaffen. Aber noch viel weniger möchte es einen Zusammenbruch der Diktatur und in der Folge ein wiedervereinigtes und mit Amerika verbündetes Korea an seiner Grenze. Dieses chinesische Interesse nutzt das Kim-Regime gnadenlos aus. Kim Jong-un ließ sogar seinen eigenen Onkel exekutieren, als der ihm zu selbstherrlich und machthungrig geworden war. Dass dieser Pekings Vertrauensmann in Pjöngjang war, störte ihn nicht im Geringsten. Warum auch? China ließ ihm auch diese Untat durchgehen.

Eine Weltmacht, und die will China sein, darf so nicht mit sich umspringen lassen. Seit vor sieben Jahren die Sechs-Mächte-Gespräche über das nordkoreanische Atomprogramm scheiterten, hat sich Pekings Diplomatie unfähig gezeigt, Pjöngjang an den Verhandlungstisch zurückzubringen. Wer nur engstirnig auf die vorgeblichen eigenen Sicherheitsinteressen schaut und dabei die Gefahren für den Weltfrieden aus den Augen verliert, ist weit davon entfernt, auf der internationalen Bühne eine der eigenen wirtschaftlichen Bedeutung entsprechende politische Rolle zu spielen.

Auch bei den Verhandlungen zum iranischen Atomprogramm hat China keinen besonderen Gestaltungswillen gezeigt. Immerhin hat es einer Lösung nicht im Wege gestanden. Gegenüber Nordkorea aber vernachlässigt es auf sträfliche Weise seine ungleich größere Verantwortung. Es bezahlt dafür einen hohen Preis. Chinas Reputation und Einfluss sind die ersten Opfer von Kim Jong-uns atomarem Größenwahn.