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Jiyan war kaum erwachsen, als sie starb. Ob sie wirklich so hieß, weiß ich nicht. Sie hat sich diesen Namen selbst ausgesucht, er war ihr Kampfname. Er ist kurdisch und bedeutet "Leben".

Es war Anfang Oktober, als wir uns kennenlernten. Jiyan war eine Kommandeurin einer Gruppe jugendlicher PKK-Anhänger in Sur, einem Stadtteil von Diyarbakır, zu dem auch die historische Altstadt mit ihren engen Gassen und Höfen gehört. Jener Teil, aus dem uns in diesen Tagen Bilder erbarmungsloser Kämpfe zwischen dem türkischen Militär und diesen Jungen erreichen.

Für den türkischen Staat war Jiyan eine Terroristin. Ihre Freunde sahen in ihr eine Freiheitskämpferin.

Mit dem Rücken an die Wand gelehnt saß sie da, mit angezogenen Knien. Lange braune Haare, die sie zusammengebunden hatte, braune Augen, klein, stämmige Figur, ein kindliches Gesicht. Als ich sie nach ihrem Alter fragte, überlegte sie kurz und sagte dann einfach: "23". Mit Sicherheit war sie jünger. Mit klarer Stimme erzählte sie, dass die Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan nach den Wahlen am 7. Juni den Friedensprozess mit den Kurden beendet hatte. Die prokurdische Partei HDP war in die Große Nationalversammlung in Ankara gewählt worden, zum ersten Mal in der Geschichte der Republik hatten die Kurden ihre eigene Vertretung im Parlament. Jiyan war davon überzeugt, dass Erdoğan es nicht ertrug, dass sie nun so erfolgreich waren. Dass er deshalb im Südosten der Türkei, wo überwiegend Kurden leben, in vielen Städten Ausgangssperren verhängen, Razzien und Militäreinsätze durchführen ließ.

Statt des Friedensprozesses, den Erdoğan selbst begonnen hatte, gab es jetzt nur noch den "Kampf gegen die Terroristen".

Eine neue Generation der Verlorenen

Die Jungen im Alter von 14 bis 20 Jahren, die unter Jiyans Führung standen, hörten ihr aufmerksam zu. Der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt zwischen Kurden und Türken war für sie ein Überlebenskampf. Über Jugendliche wie sie hat der amtierende PKK-Chef Cemil Bayık einmal gesagt: "Sie sind radikaler als wir."

Im Südosten der Türkei entsteht gerade eine neue Generation der Verlorenen und Hoffnungslosen. Eine junge Generation, die mit den Geschichten über die Hochphase des Krieges zwischen der PKK und dem türkischen Staat in den 1990er Jahren aufgewachsen ist, die damals aus ihren Dörfern fliehen mussten, in der Stadt aber auch keine Heimat fanden, die Familienmitglieder verloren hat, die doppelt so schnell gealtert ist und nicht mehr daran glaubt, dass dieser Konflikt politisch gelöst wird. Die jungen, radikalen Kurden glauben, dass ihr Schicksal der Tod sein wird, ob sie nun kämpfen oder nicht. Es sind Kinder und Jugendliche, die heute Schützengräben in Cizre, Silopi und Sur ausheben und Barrikaden bauen, die der Staat als eine "Bedrohung für die öffentliche Sicherheit des Landes" betrachtet.

Die PKK scheut sich nicht davor, ihnen erfahrene Kämpfer vorzusetzen und sie zu bewaffnen. Und der Staat scheut sich nicht davor, diese Kinder und Jugendliche zu Terroristen zu erklären und sie "außer Gefecht zu setzen", wie es in den Nachrichten heißt. Sie werden von beiden Seiten missbraucht.

Jugendliche wie Jiyan. Sie hatte Angst, dass ihre Identität auffliegen und der Staat ihrer Familie etwas antun könnte. Auf persönliche Fragen antwortete sie meist mit einem entschuldigenden Lächeln. Wie viele andere junge Militante hatte Jiyan während des Studiums beschlossen, sich der Patriotisch-revolutionären Jugendbewegung (YDG-H) anzuschließen, die als Jugendorganisation der PKK gilt. Wo sie studierte, wollte sie nicht sagen. Sie deutete nur an, dass es sich um eine Großstadt im Westen der Türkei handelte. 

"Das tat weh"

"Ich sprach nicht so wie sie. Witze, über die sie lachten, kamen mir nicht witzig vor. Ich spürte, wie sie mich komisch anguckten", sagte sie. Sie – damit meinte sie die Türken. Damals habe sie ein Bewusstsein für ihre kurdische Identität entwickelt, sagt Jiyan, und für die Unterdrückung der Kurden. Als Tochter einer armen Familie musste sie arbeiten, um studieren zu können. "Da habe ich gemerkt, dass immer die Kurden die Jobs machten, die sonst keiner machten wollte, weil sie körperlich sehr anstrengend waren, oder weil man sich die Hände schmutzig machte. Als wären wir dazu da, ständig dieser Gesellschaft zu dienen. Das tat weh."