Europa, das war einmal. Kaum eine russische Nachrichtensendung oder politische Talk-Show kommt derzeit ohne diese Botschaft aus; ohne einen hysterischen Beitrag über die westlichen Nachbarn, der den Untergang des Abendlandes herbeiredet. Bevor es um die Flüchtlinge ging, waren es heiratswillige Homosexuelle und allmächtige Jugendämter, die aus russischer TV-Sicht die Europäer plagten. Der Tonfall ist nicht neu. Neu ist allerdings die Angst in Deutschland, eine solche Berichterstattung könnte den Gesellschaften in Europa ernsthaft schaden.

Denn der Fall der Lisa F. aus Berlin, in dem der staatliche Erste Kanal den möglichen Missbrauch einer 13-Jährigen zu einer Staatsaffäre aufblies, führte zu Dutzenden Kundgebungen in Deutschland, bei denen meist russischsprachige Bürger gegen die vermeintliche Untätigkeit von Polizei und Behörden demonstrierten. Zuvor hatten russische Sender diesen Vorwurf, der in der russischen Diaspora kursierte, aufgegriffen und verbreitet, auch dann noch, als bereits das Gegenteil klar war. Als sich schließlich der russische Außenminister Sergej Lawrow einschaltete, musste sein deutscher Amtskollege Frank-Walter Steinmeier reagieren und ihn zurechtweisen: Es gebe keine Rechtfertigung dafür, den Fall für politische Propaganda zu nutzen.

Aber natürlich strotzen die russischen Medien vor Propaganda. So berichtete der Fünfte Kanal über einen anderen Fall in Berlin. Ein in Deutschland geborener Mann mit iranischen Wurzeln hatte eine Berlinerin vor eine fahrende U-Bahn gestoßen und damit getötet. Der Sender stellte das als weitere Illustration der Flüchtlingskrise in Deutschland dar, obwohl es dazu offensichtlich keinen Anlass gab. Der Sender Zwezda, der dem Verteidigungsministerium gehört, brachte ein Interview mit einer gewissen Viktoria Schmidt aus Hannover, die über einen Mord von Flüchtlingen an einer Landsfrau berichtete. Ein Mordfall, von dem offenbar bis heute nur Schmidt weiß. Sie sprach auch davon, nach Russland zurückkehren zu wollen, weil das Leben in Deutschland zu gefährlich geworden sei.

Seit Tagen kristallisiert sich in der deutschen Öffentlichkeit eine Frage heraus: Ist die Berichterstattung in Russland mehr als die bekannte Berieselung der russischen Bevölkerung? Oder sollen jetzt auch die russischsprachigen Menschen in Deutschland aufgewiegelt werden? Manche Beobachter meinen, die russischsprachigen Demonstranten der vergangenen Tage seien direkt von Moskau beeinflusst. Auf jeden Fall aber haben sich seit den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht die kremltreuen Medien besonders auf Deutschland eingeschossen.

Ob es um Köln geht, um Calais oder Wien – die Erzählung im russischen Fernsehen ist immer ähnlich: Europäer, insbesondere die Frauen, fühlten sich bedroht, die Behörden vor Ort seien machtlos, weil sie zu politischer Korrektheit und Toleranz neigten. Das Mikrofon eines russischen Korrespondenten dagegen verleihe dem Mann auf der Straße eine Stimme, die in den westlichen Medien nicht mehr präsent sei. Und schon sehen die Probleme, vor denen Russland selbst steht, für die Zuschauer weniger dramatisch aus. "Wo ist derzeit keine Krise?", fragen viele Russen folglich. 

Blanke Fälschung

Ein Teil dieser Berichte ist klar als blanke Fälschung zu entlarven. Journalisten des russischen Investigativportals The Insider haben beispielsweise die Hannoveranerin Viktoria Schmidt gesucht und gefunden. Sie heißt in Wirklichkeit Natalja und bietet russischen Sendern für 500 Euro ihre Dienste an.

Doch nicht hinter jedem zweifelhaften Beitrag stehe direkt der Kreml, sagt Konstantin Goldenzweig. Der 32-jährige Journalist war einst Deutschlandkorrespondent beim russischen Sender NTW, der zum Gazprom-Imperium gehört, und hatte vor einigen Monaten mit viel Aufsehen dort gekündigt. Er habe in seiner Zeit bei dem Sender einige Aufträge aus Moskau abwimmeln können, sagt er. Der Fall Lisa aber wäre demgegenüber auch dort als seriöse Berichterstattung durchgegangen. "Das Problem ist, dass die Korrespondentenstellen in Deutschland sehr begehrt sind und die Kollegen unter Erfolgsdruck stehen. Deshalb sind viele zu vorauseilendem Gehorsam bereit – auch ohne Anweisung aus Moskau", sagt Goldenzweig, der derzeit beim unabhängigen russischen Pay-TV-Sender RTVi in Berlin arbeitet. Viele Journalisten spürten genau, welche Themen derzeit zum Mainstream passten. "Um ihr Gewissen zu beruhigen, stellen viele Journalisten die Situation so dar, dass sie die eigenen, benachteiligten Landsleute in Schutz nehmen."

War das auch im Fall der Berlinerin Lisa der Fall? Das Staatsfernsehen habe sich in dem Moment eingeschaltet, als in der russischsprachigen Community die Gerüchte bereits kochten, sagt Boris Feldman, Chefredakteur der größten russischsprachigen Zeitung in Deutschland Russkaja Germanija. Angesichts der Demonstrationen plädiert Feldman für Gelassenheit. Wichtiger als der Einfluss Moskaus sei das Misstrauen der Menschen aus der ehemaligen UdSSR gegenüber allen staatlichen Institutionen, eben auch den deutschen. "Mich wundert vielmehr, dass bei der so massiven Propaganda so wenige Empörte auf der Straße waren", sagt Feldmann. Ein mittelmäßiger Popstar aus Russland ziehe bei einer Deutschland-Tour mehr Publikum an. "Nach unseren Zählungen waren es vielleicht 15.000 bei den Demonstrationen. Und das, wo viel mehr russisches Fernsehen schauen", sagt er.