Bekannt ist über Lisa, eine 13-Jährige aus einer russlanddeutschen Familie in Berlin, fast nichts und doch zu viel. Sie ist am 11. Januar verschwunden und von ihrer Familie als vermisst gemeldet worden. Kurz darauf ist sie wieder aufgetaucht.

Es wäre gut gewesen, wenn von dieser Geschichte nur die Eltern, die Polizei, womöglich einige Freunde und Verwandte erfahren hätten, niemand sonst. Stattdessen aber wurde Lisas vermeintliche Geschichte von den russischen Staatsmedien und allen, die Flüchtlinge für potenzielle Vergewaltiger halten, öffentlich ausgeschlachtet.

Ihr voller Name kursiert im Internet, genauso wie ein Foto des Mädchens. Lisa wird von nun an immer erkennbar, ihr Name mit dem 11. Januar 2016 verbunden sein. Vermutlich hat sie niemand gefragt, ob sie das will. Aber um ihre Meinung und ihre Geschichte geht es auch nicht in dieser skrupellosen Propagandaschlacht gegen vermeintlich liberale Werte.


Nichts ist mehr heilig, auch nicht die Schutzbedürftigkeit einer Minderjährigen. Während die Berliner Polizei sich mit Details zurückhält, berichten mehrere russische Sender äußerst anschaulich, wie Lisa in Berlin von Migranten entführt und 30 Stunden lang vergewaltigt worden sei – außerdem habe die deutsche Polizei das Mädchen zwingen wollen, auszusagen, dass alles einvernehmlich abgelaufen sei.

Einer, der sich als Quelle aufspielt: der Vorsitzende eines "internationalen Konvents der Russlanddeutschen", brüstet sich damit, die Geschichte trotz aller politischen Korrektheit in Deutschland erfolgreich verbreitet zu haben. Die Eltern, mit denen er laut einem Interview mit der kremlnahen Zeitung Komsomolskaja Prawda über Vermittler in Kontakt stehe, schweigen derzeit; die deutsche Polizei habe angeblich gedroht, ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Telefonisch ist der Mann nicht zu erreichen. Er soll in Moskau unterwegs sein.

In diesem Fall ist manches anders

Dass Medien lügen, ist in Russland Alltag. Da war der Junge, den ukrainische Soldaten bei der Einnahme von Slowjansk angeblich gekreuzigt haben. Oder das Mädchen nahe Donezk, das von Ukrainern getötet wurde – aber weder der Junge noch das Mädchen existierten. Doch im Falle des 13-jährigen Mädchens aus Berlin wirkt manches anders.

Lisa gibt es. Es gibt auch ihre Eltern, die krank vor Sorge sein dürften, weil ihr Kind verschwunden war. Wahr dürfte wohl auch sein, dass irgendetwas vorgefallen sein muss. Eine 13-Jährige verschwindet nicht grundlos, niemand weiß, welche Beweggründe und welches Drama sich wirklich dahinter verbergen. Was es aber nicht gibt, ist die Entführung und die Vergewaltigung des Mädchens. Das sagt die Polizei in einer Deutlichkeit, die nach den Vorfällen in Köln von frappierender Entschiedenheit ist.

Das Leben einer Heranwachsenden wird durch die Propagandamaschine gezogen: Tausendfach in den sozialen Netzwerken verbreitet wurde die Geschichte zum Beweis für die Blutrünstigkeit des arabischen Migranten. Die Sprache, in der berichtet wurde, ob nun in Social Media oder den russischen Medien: verantwortungslos, hetzend, Ängste befeuernd, was einen deutschen Anwalt dazu bewegt hat, gegen einen Journalisten des russischen Staatsfernsehens Anzeige wegen Volksverhetzung zu erstatten.

Die Propaganda der russischen Medien zeigt auch in Deutschland Wirkung

Per Facebook und Messenger-Dienste werden Aufrufe verbreitet, am Sonntag in deutschen Städten zu protestieren. Sie klingen martialisch und sind mit "Achtung, Krieg!" überschrieben; angeblich versuchten Medien und Politik, die Tat zu vertuschen, man müsse sie wehren. Rechte, Russlanddeutsche und von einem Schweigekartell Überzeugte haben sich zu einer Allianz zusammengeschlossen, die keine Skrupel kennt.

Und sie haben Erfolg. Das Misstrauen gegen die deutschen Institutionen und Eliten wächst derzeit stetig, seit der Silvesternacht in Köln herrscht Verunsicherung und Beunruhigung. Die Moderatorin im russischen Staatssender Erster Kanal zu einem Beitrag über Lisa bedient alle Ängste: "Minderjährige werden vergewaltigt, die Polizei tut nichts, die Täter laufen frei rum", sagt sie. "Das ist die neue Ordnung in Deutschland."

Das antieuropäische Ressentiment wird von den russischen Staatsmedien schon lange bedient. Doch jetzt fällt es auch bei uns auf fruchtbaren Boden. Nun wird es auch hier immer heftiger verfochten. Viele glauben an das Narrativ der russischen Staatsmedien, Europa habe sich selbst an den Abgrund gebracht, der Westen sei verkommen, habe seine Traditionen verraten.

Das Bild vom dekadenten Gayropa

Mal zeichnen diese Medien ein Bild vom skrupellosen Europa, das ukrainische Faschisten unterstützt, mal vom dekadenten Gayropa, das Schwulen Rechte gibt und damit die traditionelle Familie bedroht, mal vom unterwanderten Europa, das an seiner Flüchtlingspolitik zugrunde geht. Derweil hält man sich mit innenpolitischen Themen in Russland lieber nicht auf. Probleme, sie sind immer woanders.

Die Ablenkungsstrategie funktioniert. Kürzlich in dem ostukrainischen Dorf Kominternowe, Tage bevor die Geschichte des 13-jährigen Mädchens bekannt wurde: Das Dorf ist zwischen den Fronten eingekeilt, seit Kurzem wird es wieder beschossen. Es ist nicht leicht hineinzukommen. Es herrscht das Elend. Es gibt keine staatlichen Strukturen, keine Versorgung mit Lebensmitteln und Kohle. Es fehlt so ziemlich an allem in Kominternowe, nur nicht an Nachrichten des russischen Staatsapparates. Als die Kollegin eines deutschen Mediums es in das Dorf schafft, begrüßen sie die Bewohner neugierig. "Sagen sie", wird sie gefragt, "warum vergewaltigen in Deutschland Flüchtlinge die Weiber?"