Die Schiiten im Nahen Osten laufen Sturm. In der iranischen Hauptstadt Teheran setzten nach den Hinrichtungen von 47 Terrorangeklagten in Saudi-Arabien Demonstranten die saudische Botschaft mit Molotow-Cocktails in Brand. Irans Revolutionsführer Ali Chamenei verfluchte öffentlich das Königshaus in Riad und drohte ihm die Rache Allahs an.

Selbst Iraks besonnener Großajatollah Ali al-Sistani nannte die Tötungen "eine Ungerechtigkeit und Aggression", während sein Premierminister Haider al-Abadi twitterte, die Repression werde nicht obsiegen. In Saudi-Arabien selbst gingen Tausende Schiiten auf die Straße und skandierten "Allah ist groß" und "Nieder mit dem Haus Saud".

Mit ihrer Entscheidung, direkt zum Jahresauftakt 2016 den prominenten schiitischen Prediger Nimr al-Nimr zusammen mit 46 wegen Terrors Verurteilten hinrichten zu lassen, provoziert Saudi-Arabiens sunnitische Führung ein schweres politisch-religiöses Erdbeben. Das gilt für das Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten in der ganzen Region, inklusive der eigenen schiitischen Landsleute. Die Europäische Union warnte Riad deshalb vor "gefährlichen Konsequenzen". Die USA befürchten die Verschärfung konfessioneller Spannungen in einer Zeit, "wo diese dringend reduziert werden müssten".

Die drei Millionen Schiiten im Osten Saudi-Arabiens, unter deren Siedlungsgebieten praktisch die gesamten Ölschätze des Landes liegen, fühlen sich seit Jahrzehnten diskriminiert und als Bürger zweiter Klasse behandelt. Sie haben keinen Zugang zu hohen politischen Ämtern, wenig gut bezahlte Jobs und kaum Aufstiegschancen. Unter den viel zu geringen staatlichen Investitionen in Wohnungsbau, Schulen, Universitäten und Wirtschaft leiden sie besonders.

Führung in Riad ist nervös

Seit dem saudischen Krieg im Jemen rufen sunnitische Kleriker zum Heiligen Krieg gegen die schiitischen Huthis im Nachbarland auf. In ihren Hasspredigten bedrohen sie auch die eigene Minderheit und prangern sie als fünfte Kolonne Teherans an.

Der nun getötete Prediger Nimr al-Nimr war für viele saudische Schiiten ein Vorkämpfer für ihre Rechte. Mit seinen charismatischen Predigten gab er ihnen eine Stimme. Als das Königshaus 2012 den wortgewaltigen Geistlichen verhaften ließ, der dabei angeschossen wurde, folgten tagelange Ausschreitungen in seiner Heimatstadt Awamiyya nahe Katif. Im Oktober 2014 verurteilte ein Antiterrorgerichtshof den 56-Jährigen zum Tode mit anschließender Kreuzigung. Er habe religiöse Konflikte geschürt und "Ungehorsam gegenüber dem Herrscher" gezeigt, hieß es zur Begründung des Scharia-Verdikts.

Das drastische Vorgehen zeigt, wie nervös das neue Führungstrio von König Salman mit Kronprinz Mohammed bin Nayef sowie Verteidigungsminister Mohammed bin Salman, einem Sohn des Monarchen, mittlerweile ist. Der übermächtige Erzrivale Iran wird in diesem Jahr durch das Atomabkommen erstmals seit drei Jahrzehnten wieder international hoffähig. Mindestens 2.500 junge Saudis kämpfen in den Reihen der IS-Terrormiliz in Syrien und Irak, deren Führer offen zum Marsch auf Mekka und Medina aufrufen.

Sympathie für den IS wächst

Eine repräsentative Umfrage auf der Arabischen Halbinsel ermittelte kürzlich, dass fünf Prozent aller Saudis mit dem sogenannten "Islamischen Staat" sympathisieren. Das entspricht einer halben Million Bürger. Obendrein reißt der Verfall des Ölpreises nun schon zum zweiten Mal ein Rekordloch von nahezu 100 Milliarden Dollar in den Staatshaushalt und verschlingt damit ein Viertel der staatlichen Rücklagen. Der blutige Konflikt mit den schiitischen Huthis im Jemen entpuppt sich immer mehr als riskante und kostspielige Sackgasse. Denn von Zerfall und Verelendung des Nachbarlandes profitieren vor allem das Terrornetzwerk Al-Kaida und der IS.

Gleichzeitig wächst im Inneren die Unruhe. Innerhalb der Königsfamilie kursieren inzwischen vier offene Briefe, die vor einem Zusammenbruch der eigenen Herrschaft warnen. Die Monarchie bemüht sich, dem mit einer Politik der eisernen Faust gegen Bürgerrechtler und Blogger entgegenzuwirken. Immer mehr Aktivisten müssen wie Nimr al-Nimr vor Antiterrorgerichte – ein Signal an alle Kritiker, dass auch sie auf dem Schafott enden könnten. Zu den bekanntesten Fällen gehören der Blogger Raif Badawi sowie sein Anwalt Waleed Abu al-Khair.

Auf der Pressekonferenz am Samstag dankten einige saudische Journalisten den Vertretern des Innenministeriums lautstark für die 47 Exekutionen. Der saudische Großmufti Abdulaziz al-Sheikh ließ erklären, jede Hinrichtung sei eine Gnade für die Gefangenen, denn sie hindere diese an weiteren Übeltaten.