Nächste Woche fährt Außenminister Frank-Walter Steinmeier in den Iran und nach Saudi-Arabien. Um den Besuch hat es schon einigen Streit gegeben, und zwar wegen Saudi-Arabien. Zu Beginn des Jahres wurden dort 47 Menschen hingerichtet, die meisten von ihnen radikale Islamisten und Al-Kaida-Angehörige, doch auch ein schiitischer Geistlicher, kein Terrorist. Am Ende der Eskalation stand der Abbruch der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Iran.

In wenigen Tagen feiert Saudi-Arabien nun die Dschanadrija, ein Kulturfestival mit Sponsoren und Ständen auch aus der Wirtschaft. Deutschland ist Gastland, und Steinmeier ist eingeladen. Kann man in dieser Lage nach Saudi-Arabien fahren, in ein Land, das radikales religiöses Gedankengut fördert, die Todesstrafe exekutiert und nach Aussage des Bundesnachrichtendienstes eine "impulsive Interventionspolitik" betreibt?

Es gibt in Deutschland einige Leute, die den Konflikt am Golf wie ein Fußballspiel betrachten: "Für wen sind wir denn?" Der stellvertretende CDU-Chef Armin Laschet zum Beispiel forderte Steinmeier auf, nicht nach Saudi-Arabien zu fahren. Der CDU-Mann sagt zugleich, dass wir den syrischen Diktator Assad "brauchen" und mit ihm gegen Terroristen zusammenarbeiten sollen. Assad ist Feind der Saudis und wird vom Iran, der Hisbollah und Russland gestützt. Folgten die Kanzlerin und der Außenminister Laschets Vorschlägen, wäre Deutschland faktisch Teil dieser zweifelhaften Koalition.

Man kann also schnell viel falsch machen auf dem Schlachtfeld Nahost. Viel schwieriger ist es, den richtigen Weg zu finden. Soll der deutsche Außenminister fahren? Und was müsste er im Gepäck haben?

Die Debatte hat über den Januar hinweg einen bemerkenswerten Bogen geschlagen. Als in den ersten Januartagen nur die Saudi-Arabien-Reise Steinmeiers diskutiert wurde, rieten mehrere Abgeordnete dem Außenminister ab, überhaupt zu fahren, sowohl von der CDU, den Grünen als auch der Linken. Doch als das Auswärtige Amt die erweiterte Reiseroute nach Iran und Saudi-Arabien bekannt gab, drehten sich auch die Kritiker. Zu explosiv ist die Lage in Syrien und am Golf, als dass eine hochsymbolische Reiseabsage an Riad noch als richtige Antwort erscheint.

Saudi-Arabien und der Iran sind die beiden wichtigsten regionalen Spieler im syrischen Kriegsnebel. Gegen die IS-Dschihadisten kämpfen sie beide. Aber die Kopf-ab-Krieger konnten erst groß werden, weil die Vormächte einen brutalen Stellvertreterkampf in der Levante führen. Der Iran unterstützt Assad mit Truppen und Waffen, Saudi-Arabien rüstet die Oppositionsgruppen auf. Da beide Seiten nicht miteinander reden, ist Sprechhilfe von außen dringend erforderlich, auch durch die Deutschen, die in der Region als unverdächtig gelten. In diesen Tagen ringen die internationalen Vermittler darum, die Genfer Syrien-Konferenz in Gang zu kriegen. Ohne Saudi-Arabien und den Iran geht das nicht.

Bei der Reise an den Golf wird es also darauf ankommen, Hindernisse offen zu benennen. Der Iran wie Saudi-Arabien tragen ihren Konflikt hemmungslos quer über die Region aus, teils mit Waffen, teils mit Soldaten. Syrien leidet darunter ebenso wie der Jemen. Nichts davon wird besser, wenn Besucher darüber hinwegschweigen. Das gilt genauso für die Repressionspolitik gegen Minderheiten und Andersdenkende in den islamistischen Vormächten der Schiiten und Sunniten.

In jüngster Zeit hat Saudi-Arabien mit dem Abbruch der Beziehungen zu Teheran und der Hinrichtung von Schiiten besonders viel Unruhe in die Region getragen. Die Deutschen mit Frank-Walter Steinmeier an der Spitze sollten zur Beruhigung beitragen, indem sie ihre Sorgen in Riad offen aussprechen. Die Unterdrückung von Schiiten in Saudi-Arabien und im Nachbarstaat Bahrain unterminiert nicht nur diese Länder auf lange Sicht. Sie gibt auch dem Iran die Möglichkeit, sich zum Schutzherrn aufzuschwingen. Jegliche Förderung radikalislamischen Gedankenguts durch saudische Stifter – ob im Kampf gegen den Iran oder andere Gegner – richtet sich am Ende gegen Saudi-Arabien selbst. Wie man an den Kriegserklärungen von Al-Kaida und der IS-Dschihadisten gegen das saudische Königshaus sieht.

Die Deutschen sollten am Golf nicht den Schiedsrichter zugunsten einer Seite spielen, wie Armin Laschet es anregt. Sie kommen als deutsche Delegation mit deutschen Interessen. Und zu diesen Interessen gehören nicht einfach nur Exportwaren, sondern ein Wertesystem, das auf Berechenbarkeit, Achtung der Menschenrechte und des Völkerrechts ruht.

Wie existenziell wichtig das ist, wurde vielen Deutschen in der Auseinandersetzung mit Russlands Regierung 2014 bewusst. Mit einem Präsidenten, der in der Ukraine abseits des Völkerrechts seinen Vorteil suchte. Es sind gegensätzliche Sichtweisen auf den Rechtsstaat, die Frank-Walter Steinmeier Mitte der Woche bewogen, seinen Amtskollegen Sergej Lawrow deutlich in die Schranken zu weisen. Die Rechtlosigkeit aber schadet den meisten Staaten dieser Erde.

Es sind die massiven Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte durch Diktaturen, die den Nahen Osten in einen Zustand permanenter Kriege gestürzt haben. Die Aufruhr, Systemkrisen und Chaos mit verursacht haben. Und die am Golf in nicht allzu ferner Zukunft auch die verkrusteten Monarchien wie in Saudi-Arabien treffen können. Darüber offen zu reden, am Golf und anderswo, ist deutsche Interessenpolitik im besten Sinne.