Vielleicht hatten sie in Saudi-Arabien tatsächlich geglaubt, wenn sie den schiitischen Prediger Nimr al-Nimr direkt nach Neujahr exekutieren und in 46 Todeskandidaten einreihen, wird die schlechte Nachricht irgendwie untergehen in allgemeiner Schläfrigkeit oder der Feiertagslaune zum Jahreswechsel. Doch dieses dreiste Kalkül hat getrogen, wie die meisten anderen der vergangenen zwölf Monate auch.

Noch nie in seiner Geschichte agierte Saudi-Arabien so aggressiv und impulsiv wie unter dem greisen Monarchen Salman und seinen beiden Kronprinzen, den ersten aus der Enkelgeneration des Staatsgründers von 1932. Und noch nie waren die vom Königshaus ausgelösten Erschütterungen so groß – durch seine militärische Intervention im Jemen und seine Rolle im Syrienkrieg.

Das einst so vorsichtige Saudi-Arabien pokert hoch und könnte sein Blatt überreizen. Denn eine zivilgesellschaftliche Verständigung über den künftigen Kurs des eigenen Landes findet nicht statt. Die Entscheidungsprozesse der Führung sind von der Bevölkerung abgeschirmt, undurchschaubar und abrupt. Und die neue hochfahrende Machtpolitik des königlichen Trios ist nicht gedeckt von den Fähigkeiten seiner einheimischen Untertanen. Die verunglückte Anzeige des Königreichs in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war nur ein bizarres Indiz für weiträumige Defizite. 

Saudi-Arabiens Bevölkerung ist aufgewachsen in dem Glauben, Wohlstand sprudelt aus dem Boden und arbeiten soll das rechtlose Millionenheer der Migranten aus Asien. Praktisch die gesamte Privatwirtschaft im Königreich wird von Ausländern betrieben. In keiner Region der Welt gibt es im Verhältnis zur ansässigen Bevölkerung so viele Gastarbeiter wie auf der Arabischen Halbinsel. Der saudische Nachwuchs dagegen strebt auf die betulichen Sessel im öffentlichen Dienst oder sitzt arbeitslos zu Hause. Irgendwo dazwischen etabliert sich seit einiger Zeit die neue Schicht der Quotensaudis. Das sind Einheimische, die den Firmen per Gesetz als Beschäftigte aufgezwungen und von den Personalchefs lieber in bezahlten Dauerurlaub geschickt werden, damit sie den Betrieb nicht durch ihre Faulheit, Inkompetenz und Unpünktlichkeit ins Trudeln bringen.

Das einzige Ministerium in Riad, was überhaupt funktioniert, sei das Innenministerium, summieren ausländische Beobachter ihre Erfahrungen mit der saudischen Regierung. Das Verteidigungsministerium ist in Europa und den USA nur deshalb beliebt, weil es Unmengen unnützer Waffen kauft, damit die Millionenprovisionen für die zuständigen Prinzen nicht versiegen. Auch die von Ressortchef und Königssohn Mohammed bin Salman kürzlich auf mitternächtlicher Pressekonferenz aus dem Hut gezauberte islamische Antiterrorkoalition ist lediglich eine militärische Geisterallianz mit Briefkasten in Riad. Im Jemen wiederum versucht die hochgerüstete Streitmacht des viertgrößten Waffenkäufers auf Erden seit neun Monaten mit ein paar Tausend Barfußsoldaten der Huthis fertig zu werden – ohne erkennbaren Erfolg. Und so bombt man stattdessen dem bettelarmen Nachbarn mit hyperteuren US-Laserraketen reihenweise seine Krankenhäuser, Schulen, Brücken und Pipelines weg.

Dieser sinnlose Krieg trägt zum Verfall des saudischen Ansehens genauso bei wie die drakonischen Strafen gegen Bürgerrechtler und Blogger sowie die weltweit als geistige Brandstiftung beargwöhnte Fundamentalistenmission. Deren intolerante Botschaft befeuert radikale Milieus rund um den Globus. Inzwischen jedoch führt das drei Jahrzehnte lang mit Öldollars gemästete Frankenstein-Monster ein Eigenleben und bedroht in Gestalt von Al-Kaida und "Islamischem Staat" auch seine ideologischen Ziehväter in Saudi-Arabien. Und so riskiert das Königshaus mit seinen Eskapaden nicht nur seine internationalen Beziehungen, sondern auch das regionale Staatengefüge auf der Arabischen Halbinsel – und vielleicht am Ende sogar seine eigene Existenz.