Schiitische Protestanten tragen Poster mit dem Antlitz von Nimr al-Nimr während einer Demonstration in Sanaa im Oktober 2014. © Khaled Abdullah/Reuters

Ungehorsam gegenüber dem Herrscherhaus, so lautet die offizielle Begründung des saudi-arabischen Königshauses für die Exekution von Nimr Baker al-Nimr. Mit ihm wurden 46 weitere Häftlinge hingerichtet, die wegen Beteiligung an Anschlägen der Islamisten-Organisation Al-Kaida in den Jahren von 2003 bis 2006 zum Tode verurteilt worden waren. Doch keine der Exekutionen löste so viel Empörung aus, wie die des Klerikers Nimr. Wer war der bekannteste schiitische Geistliche Saudi-Arabiens, dessen Hinrichtung in vielen Ländern wütende Reaktionen hervorrief?

Weltweit bekannt wurde der nun im Alter von 56 Jahren hingerichtete Nimr als ein entschiedener Gegner des sunnitischen Königshauses in Riad. Während der Proteste des Arabischen Frühlings 2011 unterstützte er die Abspaltung der östlichen Regionen Katif und Al-Ihsaa, wo ein Großteil der etwa zwei Millionen Schiiten des sunnitischen Königreiches Saudi-Arabiens leben. In den Schiitengebieten kommt es immer wieder zu Unruhen, die die sunnitische Landesführung mit aller Macht zu unterdrücken sucht. So wurde auch Nimr von der Führung wegen der Anstiftung eines Aufruhrs in Katif verurteilt. Seine Festnahme im Juli 2012 löste Proteste der Schiiten aus, bei denen zwei seiner Anhänger getötet wurden.

Nimr, der in den achtziger Jahren knapp zehn Jahre im Iran den schiitischen Islam studiert hatte und nach einigen Angaben den Titel Ajatollah trug, war der saudi-arabischen Führung schon vorher ein Dorn im Auge. Lange war er Freitagsprediger in der schiitischen Stadt al-Awamiya und rief immer wieder zu Protesten gegen die Diskriminierung von Schiiten auf. Seine schnell wachsende Bekanntheit rief im Königshaus in Riad immer heftigeren Argwohn hervor. Mehrfach wurde er schon vor den Protesten des Arabischen Frühlings verhaftet.

Nimr wurde während seiner Verhaftung 2012 verletzt, während seiner Haft starb seine Frau Muna Jabir al-Shariyavi in einem Krankenhaus in New York, woraufhin Nimr in den Hungerstreik trat. All das steigerte seine Bekanntheit abermals.

Im Oktober 2014 wurde Nimr wegen Aufwiegelung, Ungehorsams und Waffenbesitzes von einem Sondertribunal zum Tode verurteilt, Ende Oktober 2015 wurde das Todesurteil vom Obersten Gerichtshof Saudi-Arabiens bestätigt. Bislang wurde jedoch angenommen, dass der saudi-arabische König das Todesurteil in eine langjährige Freiheitsstrafe umwandeln würde. Eine Berufung war ebenso möglich wie, im Falle einer Bestätigung des Urteils, eine Begnadigung durch den König.

Obgleich das Königshaus Nimr als "radikal" bezeichnet hat, plädierte der Geistliche wiederholt für Gewaltlosigkeit. Während der Demonstrationen 2011 rief er ausdrücklich zum Gewaltverzicht auf. Dies zeigen auch in der arabischen Zeitung al-Akhbar veröffentlichte Auszüge aus seinen Forderungen an Demonstranten in Katif. In einem BBC-Interview sagte Nimr, dass "Märtyrertum" die stärkste Waffe sei. Das "Brüllen der Worte" sei "stärker als Schwerter".

Das Königshaus geht immer härter gegen Terroristen vor

Guido Steinberg, Golf-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, nannte die Hinrichtung Al-Nimrs dementsprechend überraschend, weil mit dem Geistlichen jemand umgebracht worden sei, von dem keine Gewalt ausging: "Da geht die saudi-arabische Regierung doch ein gutes Stück weiter als in den letzten Jahren."

Steinberg sieht die Massenhinrichtung vorrangig als eine Reaktion des Königshauses auf die Bedrohung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die im Irak bereits bis an die Staatsgrenze Saudi-Arabiens vorgerückt ist. Da auch auf saudi-arabischem Boden IS-Anhänger aktiv sind – der IS hatte 2015 die Verantwortung für mehrere blutige Anschläge auf schiitische Moscheen übernommen –, geht die Regierung inzwischen hart gegen mutmaßliche Terroristen vor. Dennoch: Für die Schiiten im ölreichen Osten, bei denen sich bislang keine militante Gruppe gegen die Regierung in Riad wende, sei das Urteil Steinberg zufolge "eine Provokation".

Ein Toter könnte damit die Stabilität des gesamten Landes gefährden. Scharfe Reaktionen auf die Hinrichtung Nimrs kamen unter anderem vom iranischen Außenministerium, das Saudi-Arabien vorwarf, Terroristen und sunnitische Extremisten zu unterstützen. Der einflussreiche iranische Ajatollah Ahmad Khatami sagte, "das Verbrechen" an Nimr werde dazu führen, dass die sunnitische Herrscherfamilie Saud aus den Geschichtsbüchern ausgelöscht werde. Der Führer der schiitischen irakischen Badr-Miliz, Kassim al-Aradschi, sagte dem TV-Sender al-Sumaria, das Verbrechen an Scheich Nimr habe "das Tor zur Hölle" geöffnet. Die schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon sprach von einem schweren Fehler, den die Regierung in Riad mit der "Ermordung" Nimrs gemacht habe. Der frühere irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki sagte den Sturz der Regierung in Saudi-Arabien wegen der Hinrichtung Nimrs voraus.