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ZEIT ONLINE: Herr Küçük, Sie haben einen Aufruf der Akademiker für den Frieden unterschrieben, in dem Sie die türkische Regierung auffordern, den Krieg in den kurdischen Gebieten zu beenden. Nun nennt der türkische Präsident Sie einen Staatsfeind und hat Ihnen die Hochschulverwaltung und die Staatsanwaltschaften auf den Hals gehetzt. Sie sind aber noch nicht gekündigt oder verhaftet worden?

Bülent Küçük: Nein, noch nicht. Gerade wir in Istanbul oder Ankara sind noch verschont. Aber wir erwarten, dass bald juristische Mittel auch gegen uns eingesetzt werden.

ZEIT ONLINE: Andere Kollegen hat es schon getroffen. In Koaceli wurden 18 Uni-Mitarbeiter festgenommen.

Küçük: Vor allem diejenigen, die an den kleineren Universitäten in der anatolischen Provinz arbeiten, haben jetzt Probleme. Dort, wo manchmal nur einige wenige den Aufruf unterschrieben haben. Die werden nun teilweise gehetzt und verfolgt, verlieren ihre Jobs. An meiner Uni, der Bosporus-Universität, und an den anderen mit internationalem Prestige ist das anders, hier achtet man zum Glück das Recht auf Meinungsfreiheit. Meine Vorgesetzten und andere Mitarbeiter der Uni haben eine zweite Erklärung unterschrieben, dass sie zwar nicht unbedingt unsere Forderungen inhaltlich teilen, aber dass sie wollen, dass wir unsere Meinung frei äußern können.

Im Unterschied dazu sind die kleinen Unis in der Provinz eigentlich keine ernstzunehmenden Bildungseinrichtungen. Sie benehmen sich, als wären sie Besserungsanstalten für ihre Schüler und Mitarbeiter.

ZEIT ONLINE: Machen Sie sich Sorgen um Ihre Sicherheit?

Küçük: Klar, wirklich geschützt sind wir nicht. Meine Uni liegt ja immer noch in der Türkei. In einem Land also, in dem Frauen, Babys und Kinder auf der Straße erschossen werden. Wo so viel Unrecht geschieht, fühlt sich kein Bürger sicher. Sogar die kommenden Generationen werden dieses Trauma mit sich tragen. Deshalb fordern wir das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Das wird im Südosten des Landes gerade nicht eingehalten.

ZEIT ONLINE: Der türkische Staat sagt: Wir kämpfen dort nur gegen Terroristen. Und die kurdische PKK wird auch von der EU als Terrororganisation eingestuft.

Küçük: Seit Gründung der Republik gibt es diese Kämpfe. Vor drei Jahren hatten wir zum ersten Mal die Hoffnung, dass mit dem damals begonnenen Friedensprozess dieses Problem politisch und demokratisch gelöst werden könnte, durch Verhandlungen. Wir wissen ja aus der Geschichte, nicht nur der der Türkei, dass es nur so geht und nicht mit Gewalt. Wir Akademiker für den Frieden haben von Anfang an einen gerechten und nachhaltigen Friedensprozess unterstützt. Nun aber werden alle, die sich noch dafür einsetzen, diskreditiert und angegriffen. Seit die Verhandlungen zwischen der kurdischen Bewegung und dem Staat ins Stocken geraten sind, befinden wir uns in einer Phase der Auseinandersetzung, die viel härter ist als in vergangenen Zeiten. Diesmal werden nicht kurdische Dörfer, sondern Stadtteile belagert und bombardiert, die Menschen werden auf der Straße von Scharfschützen ermordet. Hunderte kurdische Politiker und Bürgermeister werden festgenommen, kurdische Massendemonstrationen werden angegriffen, während Sicherheitskräfte die Augen verschließen. Wir fordern deshalb den Staat auf, die Kriegs- und Vertreibungspolitik gegen die Zivilbevölkerung einzustellen und alle Ausgangssperren sofort aufzuheben. Es müssen dort unabhängige türkische und internationale Beobachter hin, die die Probleme dokumentieren. Außerdem soll die Regierung eine Roadmap vorlegen, die Verhandlungen ermöglicht und die Forderungen der politischen Vertretungen der Kurden berücksichtigt. Damit eine politische Lösung möglich wird.

ZEIT ONLINE: Es hat aber auch die PKK dazu beigetragen, dass eine solche politische Lösung momentan unmöglich scheint. Sie hat Soldaten, Polizisten und auch Zivilisten getötet, und tötet sie weiterhin. Das kommt in Ihrer Erklärung nicht vor.

Küçük: Die Unterzeichnenden haben diverse politische Sichtweisen und deshalb kann ich nicht für alle sprechen. Wir trauern für alle, die während dieses sinnlosen Krieges ums Leben gekommen sind. Wir alle sind Bürger dieses Staates, deshalb kann auch nur dieser Staat unser Adressat sein und keine illegale Organisation. Wir wählen die Regierung dieses Staates und zahlen ihm Steuern. Er hat die Verantwortung. Wir sind nicht gegen den Staat, wir kritisieren dessen Kriegspolitik.

Historisch gesehen kann man sagen: Dass es ein Kurdenproblem in der Türkei gibt, ist eine Folge der Politik eines Staates, der kulturelle Differenzen grundsätzlich nicht anerkennt. Die Gewalt der PKK ist eine Folge dieser Verleugnungspolitik des türkischen Staates. Deshalb muss auch der Staat dieses Problem politisch lösen.

ZEIT ONLINE: Eine der regierungstreuen Zeitungen hat getitelt, die unterzeichnenden Akademiker seien "Freunde der Armenier". Das war als Beleidigung gemeint.

Küçük: Hier wird mit rassistischen Ressentiments gespielt. Abgesehen davon, dass die Bezeichnung "Freunde der Armenier" mich nicht beleidigt, ist dies eine alte Taktik des Staates, nicht erst seit die AKP an der Macht ist. Die Figur Armenier (oder Jude) hat immer geholfen "anständige Bürger" gegen Minderheiten und politische Oppositionen zu mobilisieren. Damit die Öffentlichkeit gar nicht erst anfängt darüber zu reden, ob der Staat vielleicht etwas anders machen könnte. Wer versucht, einen politischen Diskurs zu führen, wird als Staatsfeind abgestempelt, und so wird auch der Diskurs verhindert.

ZEIT ONLINE: Sie fordern, dass die Ausgangsverbote in den kurdischen Stadtvierteln aufgehoben werden sollen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat diese Woche darüber aber anders entschieden.