Es gibt kaum einen Platz in der Türkei, an dem all die Probleme und Bedrohungen, die das Land plagen, so weit weg scheinen, wie den Sultanahmet Platz in der Istanbuler Altstadt. Souvenirstände links und rechts, Touristenmassen schieben sich hier entlang auf dem Weg zur Hagia Sophia, der Blauen Moschee oder dem Sultanspalast Topkapi. Sehr viele bleiben hier kurz stehen und fotografieren den Theodosius-Obelisken am Rande des antiken Hippodroms.

Genau hier sprengte sich an diesem Dienstagvormittag ein Selbstmordattentäter in der Nähe einer deutschen Reisegruppe in die Luft und tötete mindestens zehn Menschen, darunter mindestens acht Deutsche. 15 Menschen wurden verletzt. Nach Angaben der türkischen Regierung handelte es sich bei dem Täter um einen syrischen Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS).

Mit diesem Anschlag dürfte das Bild von der Türkei, das sich auch viele Deutsche machen, weiter an Unschuld verlieren. Bisher war es ja so: Es gab in der Wahrnehmung europäischer Besucher und Beobachter mindestens zwei Türkeien, vielleicht sogar drei.

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Zwischen Krieg und Frieden

Man wusste von den IS-Terroristen, die nicht nur in den direkten Nachbarländern Syrien und Irak morden und Gebiete kontrollieren, sondern längst auch in der Türkei Zellen gebildet haben und Sympathisanten fanden. Man wusste auch von den kurdischen Kämpfern, ob PKK, Peschmerga oder keines von beidem, die zum Teil gegen den IS kämpften, direkt hinter der Grenze in Kobani zum Beispiel. Medien berichteten von grausamen Anschlägen, zum Beispiel auf Friedensaktivisten in Suruç und später in Ankara. Und sie berichteten auch von Straßenkämpfen in den kurdisch geprägten Städten des Südostens, von abgeriegelten Vierteln, von Scharfschützen und sterbenden Kindern.

Daneben aber gab es die Sultanahmet- und Antalya-Türkei. Bettenburgen am Strand, antike Stätten und römisches Erbe, die moderne Istanbuler Innenstadt, die sich längst kaum noch unterscheidet von den anderen europäischen Metropolen und auch nicht unsicherer ist.

Doch es gibt nicht mehrere Türkeien, es gibt nur eine. Mit dem Attentat in Istanbul haben die verschiedenen Bilder zu einem zusammengefunden. Es ist nun unübersehbar, dass auch Orte wie die Istanbuler Altstadt zu jener Türkei gehören, in der sich nicht nur die politische Situation, sondern auch die Sicherheitslage verschlechtert hat.

IS-Terroristen in Istanbul

Das war schon früher erkennbar. Schon im September 2014 erklärte eine mit der PKK verbundene Organisation, sie habe auf eigene Rechnung eine Schläferzelle von IS-Terroristen im Istanbuler Stadtteil Başakşehir attackiert. Im Oktober 2015 nahmen türkische Polizisten dann dort und in einem benachbarten Viertel bei einer Razzia in mehreren Istanbuler Stadtvierteln 15 vermeintliche IS-Mitglieder fest.

Zwar sind diese Gebiete in der 14-Millionen-Stadt Istanbul noch immer mehr als zehn Kilometer entfernt vom jetzigen Anschlagsort, und Souvenirläden finden sich dort ebenso wenig wie Touristen. Aber es sind doch nur ein paar Metro- oder Bus-Stationen von dort nach Sultanahmet.

Es ist das erste Mal in der jüngeren Vergangenheit, dass Anschläge direkt auf Touristen zielen. Bisher attackierten Terroristen mit kurdischem Hintergrund vor allem Soldaten oder Polizisten. IS-Angriffe wiederum richteten sich auch auf Friedensaktivisten und andere Zivilisten. Diese Attacken sind auf keinen Fall weniger schlimm als die Morde an Touristen. Doch der jetzige Angriff könnte andere Folgen haben, weil der Tourismus für die wirtschaftlich sowieso schon angeschlagene Türkei so ungeheuer wichtig ist.