Der israelische Premier Benjamin Netanjahu © Amir Cohen/AFP/Getty Images

Nervös und isoliert in einer brodelnden Nachbarschaft – auf die Türkei trifft das ebenso zu wie auf Israel. Und trotz einer kritischen Öffentlichkeit in beiden Ländern bemühen sich Ankara und Tel Aviv hinter den Kulissen seit einigen Jahren immer wieder um eine Normalisierung ihrer Beziehungen. Diese verschlechterten sich dramatisch, nachdem Israel 2010 den Hilfskonvoi nach Gaza um die Mavi Marmara abgefangen hatte. Bei der Erstürmung des Schiffes durch israelische Soldaten starben neun türkische Zivilisten. Der Vorfall läutete das Ende der türkisch-israelischen Militärallianz ein, die seit Mitte der neunziger Jahre ein fester Bestandteil der politischen Landschaft im Mittleren Osten gewesen war.

Seit Jahresbeginn zeichnet sich nun ein neues Bündnis ab. Während vertraulicher Unterredungen zwischen Yossi Cohen, dem Leiter des israelischen Geheimdienstes Mossad, und Feridun Sinirlioğlu, dem einflussreichen Staatssekretär im türkischen Außenministerium, wurden eine Reihe von Prinzipien niedergelegt: Sie bilden die Basis für eine schriftliche Vereinbarung zur "Normalisierung", die den Parlamenten zur Ratifikation vorgelegt werden soll.

Doch warum auf einmal eitel Sonnenschein? 2013 bewegte US-Präsident Barack Obama den israelischen Premier Benjamin Netanjahu immerhin zu einer Entschuldigung für den Mavi Marmara-Zwischenfall, gebracht hat es nichts. Doch auch wenn die bilaterale Annäherung in der Bevölkerung zunächst nicht auf Begeisterung stoßen wird, überwiegen für beide Staaten eindeutig die Vorteile.

Zuallererst: Beide sind einsam. Lange war die Türkei stolz auf ihre regionale Außenpolitik und das gute Verhältnis zu ihren Nachbarn. Inzwischen sind die Beziehungen zu allen Nachbarn im Osten und Süden, darunter Russland, dem Iran, dem Irak und Syrien, von starken Spannungen gekennzeichnet. Noch 2014 sprach ein Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan von der "wertvollen Einsamkeit" der türkischen Isolation. Doch angesichts der Syrienkrise und dem Erstarken des "Islamischen Staats", den wachsenden Spannungen zu Russland nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im November sowie dem neu aufgeflammten Konflikt mit der kurdischen Minderheit im Süden scheint sich die Türkei ihrer Rolle nicht mehr sicher zu sein.

Tatsächlich ähneln sich die einsamen Wölfe Netanjahu und Erdoğan: Beide genießen zu Hause Unterstützung, sind aber außenpolitisch isoliert. So liegt angesichts der Spannungen in der Region eine Rückkehr zu einer funktionierenden Beziehung im strategischen Interesse beider Seiten. Das gestand Erdoğan bei seiner Rückreise aus Saudi-Arabien Anfang Januar gegenüber Reportern ein: "Israel braucht in dieser Region ein Land wie die Türkei. Und wir müssen zugeben, dass wir ein Land wie Israel brauchen."

Neue Energiereserven im östlichen Mittelmeerraum tragen zur Annäherung bei. Ankara ist bemüht, nach dem Zusammenbruch der türkisch-russischen Energieallianz Alternativen zur Abhängigkeit vom russischen Gas zu finden. Nach der Entdeckung des riesigen Ölfeldes Leviathan bietet sich nun Israel als, wenn auch kleinere, Alternative zum russischem Gas an. Die Gasreserven werden den nationalen Bedarf Israels der kommenden Jahre decken und Überschüsse für Exporte ermöglichen. Türkische Unternehmen bringen sich bereits zum Bau einer Pipeline im östlichen Mittelmeer in Position. Pläne, israelisches Gas auf den türkischen Markt zu bringen, bestehen seit den 1990er Jahren.

Reißerische Rhetorik bereits heruntergefahren

Hochrangigen türkischen und israelischen Regierungsvertretern zufolge beinhaltet das neue Abkommen nach fünf Jahren Eiszeit eine volle Wiederherstellung der diplomatischen Verbindungen und die erneute Entsendung von Botschaftern. Zusätzlich wird Israel Schadenersatz in Höhe von circa 21 Millionen Dollar an die Hinterbliebenen der Opfer auf der Mavi Marmara zahlen. Im Gegenzug wird die Türkei Anklagen gegen israelische Behörden diskret fallen lassen.

Doch die Jahre der feindseligen Parolen lassen sich nicht einfach rückgängig machen, und nun müssen Erdoğan und Netanjahu ihre ablehnend gestimmte Bevölkerung von der Annäherung und dem Abkommen überzeugen. Es bietet jedoch beiden Regierungen ausreichend Vorzeigbares. Laut eines israelischen Sprechers hat Ankara zugestimmt, die Hamas-Aktivitäten innerhalb der Türkei zu unterbinden und dabei betont, dass Saleh al-Arouri, eine führende Kraft der Hamas, die Türkei verlassen habe.

Die teilweise Lockerung der Blockade für türkische Güter und Hilfe in den Gazastreifen könnte jene kritischen islamistischen Stimmen innerhalb der Regierungspartei AKP beruhigen, die das Fallenlassen der Prozesse gegen israelische Offizielle im Mavi Marmara-Zwischenfall kritisiert hatten. Dazu zählte auch die Humanitarian Relief Foundation (IHH), die den Hilfskonvoi 2010 anführte. Zwar haben sich die Familien der getöteten Friedensaktivisten noch nicht geäußert, doch die IHH brachte bereits ihr Missfallen über Soziale Netzwerke zum Ausdruck. Erdoğan hatte kürzlich noch die komplette Aufgabe der Gaza-Blockade um jeden Preis gefordert. Doch das Abkommen wird voraussichtlich einen Ausgleich zwischen Israels sicherheitspolitischen Interessen und den türkischen innenpolitischen Forderungen schaffen, indem nur türkische Güter in den Gazastreifen geliefert werden. Dadurch könnte die türkische Regierung bei der Ratifizierung im Parlament argumentieren, eine Lebensader nach Gaza geschaffen zu haben.

Trotz der vielen Vorteile wird es nicht einfach werden, die israelische und türkische Öffentlichkeit zu überzeugen. Netanjahu und Erdoğan haben ihre reißerische Rhetorik bereits stark heruntergefahren. Aber das Eis ist dünn. Es wird Vorbereitung und eine aktive Medienstrategie auf beiden Seiten geben müssen. Eine Eskalation im israelisch-palästinensischen Konflikt, eine öffentliche Entgleisung durch einen hochrangigen Beamten oder ein Regierungsmitglied oder Unfähigkeit aufseiten der Türkei, die Familien der Mavi Marmara-Opfer milde zu stimmen: Schon wären die Verhandlungen gescheitert. Doch für den Moment nutzen zwei Länder die Chance auf eine Normalisierung ihrer Beziehungen – in einer Region, in der Normalität ansonsten die Ausnahme ist.