Publikum bei einer Wahlkampfveranstaltung von Ted Cruz in Wilton im US-Bundesstaat Iowa © Carlos Barria/Reuters

Es ist Abend, halb acht. In dem kleinen Vorort Clive im US-Bundesstaat Iowa jagt draußen ein kalter Wind über die Felder. Drinnen hat Ted Cruz seine Anhänger zu einer Anti-Abtreibungskundgebung eingeladen. Es dauert nicht lange, bis der Senator aus Texas in dem Veranstaltungsraum für Konferenzen und Hochzeiten zur Sache kommt: "Nichts ist bedeutsamer als das Recht auf Leben", sagt er. "Amen". "AMEN!", hallt es durch die Reihen. "Wenn ich hier in die Runde sehe, weiß ich: Die Ehe ist die Verbindung, die ein Mann und eine Frau eingehen." Cruz braucht es nicht aussprechen: Eine andere Konstellation kommt nicht in Frage. Mann und Frau, Frau und Mann. Das war's dann auch schon mit den Optionen.

Den Beigeschmack des Pastoralen beiseite: Wie in Clive geht es in den Tagen vor den ersten Vorwahlen für die Kandidatur ums Weiße Haus in vielen kleinen Ortschaften in Iowa plötzlich um Sachthemen. Iowa ist ein relativ kleiner Staat. Ländlich, dünn besiedelt mit etwas mehr als drei Millionen Einwohnern. Wer als Politiker um die Gunst der Wähler buhlt, kann hier innerhalb von ein paar Stunden in jeder x-beliebigen Stadt sein und dort sein Anliegen direkt vortragen. So wie Ted Cruz. Der Sohn einer Amerikanerin und eines Kubaners ist der konservative Turmfalke der religiösen Rechten.

Vorrangig waren die letzten Tage im Mittleren Westen, die auf die heutige Stimmabgabe zuliefen, ein riesiger Zirkus: Amerikanisch, also übergroß, theatralisch, unterhaltsam und mitunter zukunftsweisend. Es sind Momentaufnahmen, die das Bauchgefühl einer Nation zur Schau stellen. Vielleicht muss man sich Iowa als Off-Broadway-Theater der Demokratie vorstellen: ein Ort, der auf kleiner Ebene die Befindlichkeiten einer Gesellschaft herausarbeitet. Überhöht allein durch den Zeitpunkt seiner Aufführung und den daraus resultierenden Politikerzirkus, zusätzlich angefeuert durch das Mediengeraschel.

In dem Bundesstaat werden traditionell die ersten Vorwahlen abgehalten und damit findet in Iowa der Auftakt zum US-Wahljahr 2016 statt. Die Abstimmungen dort liefern ein erstes Stimmungsbarometer, einen Härtetest für die Robustheit der Kandidaten und ihrer Kampagnen.

Trumps klassischer Kindergartenstreit

Als müsste Donald Trump noch einen Beweis für seine robuste Selbstsicherheit liefern, hatte der Milliardär in der vergangenen Woche auf seinen Auftritt in der letzten TV-Debatte der Republikaner vor Iowa verzichtet. Weil ihm bei einer vorangegangenen Debatte die Art der Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly nicht sonderlich zugesagt hatte, sagte Trump in Des Moines, Iowa, kurzerhand ab. Ein klassischer Kindergartenstreit, mehr nicht. Niemand gab klein bei, jeder beschuldigte stattdessen den anderen, angefangen zu haben.

US-Wahlkampf - Trump macht Politik für Unzufriedene, die weniger gebildet sind Kurz vor den Vorwahlen setzt Trump auf die persönliche Kurz vor den Vorwahlen setzt Trump auf die persönliche Ansprache seiner Wähler. Sein Wahlkampf ist auf Unzufriedene ausgerichtet, die überwiegend zur weißen Mehrheit gehören, älter und weniger gebildet als andere.

Bei den Republikanern hat Trump in diesen Tagen Cruz als Lieblingsfeind ausgemacht. Die Kandidaten, die in den meisten Umfragen abwechselnd Spitzenreiter ihrer Partei sind, liefern sich seit Wochen eine absurde Kleinfehde: Beide zählen sich öffentlich an. Trump bezweifelt Cruz' Geburtsland Kanada als vereinbar mit einer möglichen Nominierung, Cruz wirft Trump im Gegenzug New York values vor, die Grundwerte eines selbstsüchtigen Selfmade-Millionärs aus Manhattan. In diesem Lautsprechergetöse kann jemand wie der ehemalige Gouverneur von Florida, Jeb Bush, mit seiner inhaltsgelenkten Kampagne nur untergehen.

Unter den Kandidaten ist Trump der ausgeschlafenste, keine Frage. Keiner hatte die Klappe in den vergangenen Monaten so weit aufgerissen wie der Immobilienunternehmer aus New York, der die Massen anzieht zu seinen Kundgebungen mit dieser bemerkenswerten Mischung aus Verachtung für seine eigenen Wähler und den politischen Gegner inner- und außerhalb der Partei sowie dem Versprechen, sich nie, nie, nie zu verbiegen.

Dass er die Fox-News-Debatte schwänzte und stattdessen eine eigene Veranstaltung für einen Veteranenverband abhielt, hätte ihm strategisch auf die Füße fallen können. Trump stellt sich nicht, Trump fürchtet sich, Trump hat keine Eier in der Hose. Stattdessen herrschte am Tag nach der Debatte eine gewisse Einigkeit, dass der große Gewinner der war, der gar nicht teilgenommen hatte. Keiner stach heraus, Trump wurde regelrecht vermisst.

Ein Textbuchaufsager, Thema egal

Um Sachthemen ging es in Iowa zuletzt nur auf oberflächliche Weise. Denn die Teilnehmer hören nur zu, diskutiert wird nicht. Im Zweifel besitzen die Kandidaten selbstverständlich ein offenes Ohr für jedes Anliegen.

Die Wahlveranstaltung von Cruz in Clive ist längst vorbei, die Abtreibungsgegner haben ihre Kinder in Winterjacken gepackt und in ihre vor der Tür geparkten Jeeps gesetzt, als der Kandidat dem Reporter beim Herausgehen die Hand schüttelt. Ihr Satz für Europa und die Deutschen, Senator Cruz? Mit den USA muss man wieder rechnen. Wir werden ein zuverlässiger Partner für unsere Freunde und Verbündeten sein und unsere Feinde besiegen. Diese Textbuchaufsager kommen ohne Zögern. Thema egal. Aufregend wäre höchstens noch sein Tipp für den diesjährigen Vizemeister hinter Bayern München gewesen.