Präsident Obama hat noch ein knappes Jahr Zeit, bis er das Weiße Haus räumen muss. Ein Jahr, in dem er, wie er in den vergangenen Wochen immer wieder sagte, noch so viel erledigen möchte. Doch in Wahrheit blickt er schon auf die Zeit danach. Und auch ein wenig zurück auf die acht Jahre seiner Präsidentschaft. 

Dieser breite Blickwinkel war unverkennbar, als der Präsident am Dienstagabend zum letzten Mal vor die beiden Häuser des Parlaments trat, um seinen jährlichen Bericht zur Lage der Nation abzuliefern. "Ich möchte heute nicht über das kommende Jahr sprechen", leitete er seine Rede ein, "ich möchte über die kommenden fünf Jahre, die kommenden zehn Jahre, über unsere Zukunft reden".

Es war ein drastisches Abweichen vom üblichen Format dieser Rechenschaftsberichte, bei denen der Regierungschef gewöhnlich den Parlamentariern unterbreitet, woran er mit ihnen im kommenden Jahr arbeiten will. Oder eher, worum er mit ihnen zu kämpfen plant. Obama sparte es sich, über das mühsame Kleinklein von Gesetzesentwürfen zu reden. Lediglich in Stichpunkten sprach er die Dinge an, die er noch erledigen will: die Reform des Strafvollzugs, die Regulierung des Waffengebrauchs, die Reform der Einwanderungsgesetze und die Schließung von Guantanamo. Diese hatte er schon vor acht Jahren versprochen.

USA - Obama hält seine letzte Rede zur Lage der Nation US-Präsident Barack Obama sprach unter anderem über den Kampf gegen den Terror, die Förderung der Krebsforschung und den Zwiespalt der Parteien. Seine ganze Rede in der Video-Zusammenfassung

Viel wichtiger war es Obama, zu zeigen, auf welchem Kurs sich das Land befindet. Und vor allem, welche Chancen es hat, wenn es sie ergreift. "Wir leben in Zeiten außerordentlichen Wandels", sagte der Präsident. "Aber Amerika hat schon öfters solche Zeiten durchlebt und dabei seine Stärken wie seinen Optimismus, seinen Arbeitsethos und seinen Erfindergeist dazu genutzt, stärker denn je aus diesen Zeiten hervorzugehen."

Es war wieder ein wenig der Obama des Jahres 2007, der da am Mikrofon stand. Der sowohl mit tiefem Sachverstand als auch mit dem Blick für die großen Zusammenhänge seine Mitbürger motivieren und mobilisieren konnte.

Diesmal sprach er vor allem über die Herausforderungen, die der technologische Wandel für die Wirtschaft bringt und über die geopolitischen Veränderungen, die es nötig machten, dass Amerika seine Rolle neu definieren müsse. Seine Antwort: Der technologische Umbau der Wirtschaft soll so gesteuert werden, dass er nicht zu einer noch größeren sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit führt. Und in der Außenpolitik soll Amerika mit Besonnenheit führen, anstatt mit starkem Arm. Es solle lieber Koalitionen schmieden und Partner stärken, anstatt in Länder einzumarschieren und so ganze Regionen zu destabilisieren.

Bei all dem versäumte es Obama nicht, die Leistungen seiner Regierung herauszustellen – die Bewältigung der Wirtschaftskrise, die Gesundheitsreform, die Fortschritte in der Umwandlung des Energiesektors und auch die Triumphe im Kampf gegen den Terror.