Die Lage der Flüchtlinge im Norden Syriens hat sich noch einmal deutlich verschlechtert. Schätzungen zufolge sind fast 80.000 Syrer auf der Flucht in Richtung türkischer Grenze. Dort warten bereits Zehntausende Menschen. Die Flüchtlinge erhalten dort von Hilfsorganisationen Nahrungsmittel und Medikamente. In die Türkei werden aber nur Verletzte und schwer kranke Menschen gelassen. Ein Sprecher des Außenministeriums in Berlin sprach von einer "extremen humanitären Notlage".

Die Lage verschärft sich auch deshalb, weil syrische Truppen, unterstützt von der russischen Luftwaffe, von Aleppo aus nach Norden vordringen. Laut einer Meldung der syrischen Nachrichtenagentur Sana eroberten die Truppen am Montagmorgen das Dorf Kfin nördlich von Aleppo, das bisher die Regimegegner besetzt hatten. Nach Angaben der Assad-Gegner erhielten die Regierungstruppen zudem Hilfe aus dem Iran. Dies bestätigen auch Einwohner und die den Regierungsgegnern nahestehende syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.  

Die Beobachtungsstelle teilte auch mit, die Regierungstruppen hätten zudem die Ortschaft Kafeen erobert und stünden nur noch fünf Kilometer vor der Rebellenhochburg Tal Rafaat. Von unabhängiger Seite können die Angaben nicht überprüft werden. Sollten sie sich bewahrheiten, wäre die Armee nur noch etwa 25 Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt.

Syrien - Zehntausende Syrer harren an türkischer Grenze aus Zehntausende Menschen flüchten vor den Kämpfen im Norden Syriens in Richtung Türkei. Sie sitzen unter dramatischen Bedingungen an der Grenze fest.

Die Türkei will nun auf syrischer Seite Lager aufbauen. Die Regierung in Ankara gibt an, sie versorge die Flüchtlinge auch mit Hilfsgütern. Die Leiterin der Syrien-Mission von Ärzte ohne Grenze beklagt jedoch, es mangele an Unterkünften, Trinkwasser und sanitären Einrichtungen.

Seit Beginn der Offensive auf Aleppo sind Schätzungen zufolge fast 80.000 Syrer auf der Flucht in Richtung der syrischen Stadt Asas und des türkischen Grenzübergangs bei Kilis. In den vergangenen Tagen hatte es nach unterschiedlichen Angaben geheißen, in der Nähe von Asas harrten zwischen 30.000 und 50.000 Menschen aus. 

Aleppo in Syrien

 

Aleppo liegt im äußersten Nordwesten Syriens. Die Türkisch-Syrische Grenze ist ca. 45 km entfernt.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatte zuvor gesagt, die Schutzsuchenden würden "wenn nötig" aufgenommen. Doch blieb der Grenzübergang Öncüpinar vorerst geschlossen. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel vereinbarte während eines Besuchs in Ankara  mit der türkischen Regierung weitere Schritte, um den Zulauf an Flüchtlingen nach Europa zu bremsen. Merkel und der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu kündigten unter anderem eine diplomatische Initiative an, um die Kämpfe im Norden Syriens zu stoppen. Auch solle die Nato mit Überwachung der Grenze und der Ägäis dazu beitragen, die Flüchtlingskrise zu bewältigen, sagte Davutoğlu. Merkel will, dass die Verteidigungsminister des Bündnisses diese Woche darüber beraten.

Das Leid Zehntausender Menschen

Merkel warb unabhängig davon dafür, Menschen aus dem Kriegsland Syrien "auch aus der Türkei einen Weg nach Europa (zu) ermöglichen". Wichtig sei, dass der Weg aus Syrien über die Türkei nicht illegal verlaufe, sondern "kontrolliert, legal und von uns organisiert". Sie  kündigte gemeinsame Einsätze deutscher und türkischer Polizisten gegen den illegalen Grenzübertritt an. Zudem sei zu prüfen, wie die Arbeit der türkischen Küstenwache und der EU-Grenzschutzagentur Frontex in den Gewässern zwischen der Türkei und Griechenland koordiniert werden könne.

Aleppo: Verwüstungen im Bürgerkrieg

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Aleppo, Syrien, Krieg
26. Februar 2013: Seit mehreren Monaten finden in Aleppo schwere Kämpfe statt. Rebellengruppen versuchen, die zweitgrößte Stadt Syriens unter ihre Kontrolle zu bringen. Noch sind die Altstadtbereiche rund um die Zitadelle relativ intakt.
Aleppo, Syrien, Krieg
15. Dezember 2014: Das Satellitenbild zeigt schwere Verwüstungen und Bombenkrater. Südlich und westlich der Zitadelle liegen ganze Gebäudezüge in Schutt und Asche, darunter auch die ehemalige Chusrawiyya-Moschee.

Merkel äußerte sich entsetzt über das Vorgehen der russischen Luftwaffe im Norden Syriens. "Wir sind in den letzte Tagen nicht nur erschreckt, sondern auch entsetzt, was an menschlichem Leid für Zehntausende Menschen durch Bombenangriffe entstanden ist, vorrangig von russischer Seite", sagte sie. Man werde darauf dringen, dass alle sich an die UN-Resolutionen vom Dezember hielten. Davutoğlu sagte, die Stadt Aleppo werde de facto belagert. "Wir stehen an der Schwelle einer menschlichen Tragödie", sagte er.

Hintergrund der Vereinbarung ist der Ende November zwischen der EU und der Türkei vereinbarte Aktionsplan. Die Regierung in Ankara sagt darin unter anderem zu, die Grenzen besser zu schützen. Im Gegenzug hat die EU der Türkei mindestens drei Milliarden Euro für die Versorgung der nach türkischen Regierungsangaben knapp drei Millionen Flüchtlinge im Land versprochen.