Als die Polizei am Donnerstag auf der Suche nach mutmaßlichen Terroristen Wohnungen und Flüchtlingsheime in mehreren Bundesländern durchkämmte, nahm sie vier Verdächtige aus Algerien fest. Sie sollen einen Anschlag in Berlin geplant haben. Damit rückt ein Land in den Blickpunkt, das in den Diskussionen über den Bürgerkrieg in Syrien und die dortigen Ausbildungslager der Terrororganisation "Islamischer Staat" als Nährboden für religiöse Fanatiker beinahe in Vergessenheit geriet. Mehr noch: Die Bundesregierung plant sogar, Algerien zusammen mit Marokko und Tunesien zum sicheren Herkunftsstaat zu erklären. Dabei dient das riesige nordafrikanische Land seit Jahrzehnten als Rückzugsgebiet für Terroristen.

Algerien habe eine "lange Tradition bewaffneter islamistischer Zellen im Untergrund", sagte die Nahost-Expertin Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik der Deutschen Presse-Agentur. In der Tat nahm der islamistische Terror dort 1992 seinen Anfang, als die algerische Armee angesichts des absehbaren Sieges von Islamisten die zweite Runde der Parlamentswahlen abblies. Mindestens 100.000 Menschen, vielleicht auch 200.000, so genau weiß es niemand, starben im "schwarzen Jahrzehnt", wie die Algerier den Bürgerkrieg der neunziger Jahre nennen.

Bis heute ist der Terrorismus höchstens zurückgedrängt, aber nie ausgelöscht worden. Die Enthauptung einer französischen Geisel im Herbst 2014 hat dies in Erinnerung gerufen und auch der wenige Monate zuvor verübte Überfall auf ein BP-Ölfeld an der Grenze zu Libyen. Bei der Befreiungsaktion der algerischen Armee starben 37 Geiseln. Auch die Urheber des Attentats auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar 2015 hatten algerische Wurzeln. Und jetzt eben auch die festgenommenen Männer, die womöglich einen Anschlag in Berlin verüben wollten.

Al-Kaida als willkommenes Label

Wenn sich viele Algerier in ihrer Heimat heute wegducken, nicht aufbegehren gegen ein korruptes politisches Regime und konservative Religionsführer, die Bars, Theater und Kinos als angeblich Gott beleidigende Vergnügungsstätten schließen lassen, dann tun sie das auch in Erinnerung an den Bürgerkrieg der neunziger Jahre – und in der Angst, dass manche der Terroristen von damals und ihre Nachkommen in ihren Schlupflöchern nur auf eine Gelegenheit warten, wieder hervorzukommen.

Auch mehr als zehn Jahre nach der offiziellen Versöhnung, die ohne gesellschaftliche Debatte mit einer Generalamnestie für die Mörder einherging, melden die algerischen Sicherheitskräfte beinahe täglich Kämpfe mit Terroristen und die Festnahme Verdächtiger. Erst vorige Woche wurde demnach in Boumerdès auf halber Strecke zwischen der Hauptstadt Algier und der Region Kabylei ein Netzwerk zerschlagen, das junge Männer für den "Islamischen Staat" anwarb. 32 Verdächtige sollen festgenommen worden sein. Womöglich führte ihr Verhör auch zu den Razzien in Deutschland.

Die Terroristen agieren nicht mehr wie in den neunziger Jahren in den großen Städten. Sie haben sich zurückgezogen in unwegsamere Gebiete wie das Atlasgebirge im Osten des Landes oder in die unkontrollierbaren Weiten der Sahara.

In der Sahara, diesem traditionellen Transitgebiet zwischen Algerien, Libyen, Mauretanien, Mali und Niger, sind auch die Grenzen zwischen Drogenhändlern, Schleusern und Terroristen oft nicht auszumachen. Al-Kaida im Maghreb (Aqmi) ist heute Teil eines kriminellen Netzwerks, das Millionen mit Waffen-, Drogen- und Menschenhandel verdient. Aqmi zeichnete sich auch verantwortlich für den Überfall auf das BP-Feld.

Instabilität kam dem Regime gelegen

Ihre Ursprünge gehen auf die Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) aus dem algerischen Bürgerkrieg zurück. Aqmi-Anführer Mokhtar Belmokhtar kämpfte vor 20 Jahren in der GIA. Der Name Al-Kaida war ein willkommenes Label, um den vom jahrelangen Kampf mit der algerischen Armee aufgeriebenen Islamisten eine neue, nun internationale Perspektive zu geben. Auch die jüngsten Attentate in Mali und Burkina Faso sollen auf das Konto von Aqmi gehen.

Experten wie Rachid Ouaissa, Politikprofessor an der Universität Marburg, sind überzeugt, dass der Terror made in Algeria durchaus bis zu einem gewissen Grad vom Staat geduldet wurde. "Ein bisschen Instabilität hat dem Regime auch immer gepasst", sagt er. Damit habe das Regime Repressionen gegen Kritiker rechtfertigen können. Mithilfe krimineller Banden aus den Nachbarstaaten erwuchs allerdings ein Netz aus Ablegern. Gleichzeitig finden die radikalen Thesen der Salafisten in der Gesellschaft zunehmend Gehör. 40 Prozent der Moscheen seien unter Kontrolle der Salafisten, schätzt Ouaissa. Er ist selbst Algerier und verließ sein Land 1993 während des Bürgerkriegs.