Ein Handgemenge zwischen Protestlern und Polizisten während einer Demonstration von Lehrern in Casablanca für bessere Arbeitsbedingungen © Reuters

Das Jahr 2011 bedeutete für uns junge Marokkaner eine Zäsur. Wir sahen, wie die Menschen in Ägypten, Tunesien und Algerien mit Sprechchören durch die Straßen zogen. Wie sie für Freiheit demonstrierten, auf den Plätzen ihrer Städte tanzten. Das hat uns in Marokko bestärkt, endlich selbst aktiv zu werden. Und aufzubegehren.

Karima Nadir, 29, ist eine Journalistin aus Casablanca, Marokko. Sie ist eine der Gründerinnern von "Mamfaknich", einer Website von Bürgerjournalisten, die zu Fragen digitaler Sicherheit arbeiten. © privat

Die Marokkaner lebten seit Jahrzehnten in einer Blase, in einem Zustand totaler Stagnation. Armut, fehlende Arbeit und Ausbildungsmöglichkeiten und Repressionen bestimmten das Leben der meisten Marokkaner. Vor allem uns Jungen fehlte eine Perspektive. Deshalb forderten wir die Auflösung der Regierung und Neuwahlen.

Ich war Aktivistin der im Februar 2011 gegründeten Protestgruppe Bewegung des 20. Februar. Als wir mit den Demonstrationen anfingen, wussten wir nicht, wie viele uns überhaupt folgen würden. Zehn, hundert, tausend? Aber dann kamen so viele auf die Straße, nach nur wenigen Stunden sind uns Massen gefolgt. Was wir in den Tagen der Proteste erlebten, war unbeschreiblich.

Wir kannten uns nicht untereinander, aber wir hatten alle das gleiche Ziel: nach den vielen Jahren der Monarchie einen demokratischen Wandel herbeizuführen.

Am Anfang waren wir sehr optimistisch. Wir dachten, dass wir wirklich eine Öffnung in unserem Land herbeiführen könnten. Als wir sahen, dass es in ganz Marokko immer größere Proteste gab, fühlten wir uns bestärkt. Doch bald kamen wir Protestler an den Punkt, wo wir über eine konkrete Vision nachdenken mussten. Wo uns dämmerte, dass wir mehr brauchten als schöne Slogans und hübsch bemalte Transparente.

Das war ein schwieriger Punkt, denn zur gleichen Zeit verstärkte die Regierung ihre Repressionen gegen Oppositionelle. Wir Aktivisten haben es nicht geschafft, einen konkreten Aktionsplan auszuarbeiten. Der Widerstand formierte sich eher durch Kulturprojekte oder die Gründungen von NGOs. Ich denke, dass darin auch unsere Zukunft liegt.

Ich gehörte 2011 zu jenen, die dachten, dass uns in Marokko ein großer Wandel bevorsteht. Wir haben durch die Revolution gesehen, dass die Marokkaner in der Lage sind, ihre Wünsche zu formulieren. Dass sie für ihre Rechte einstehen können. Ich dachte, dass wir mit der Regierung nun über Themen wie Menschenrechte und soziale Beteiligung verhandeln könnten.

Aber heute fällt es mir schwer, überhaupt noch an irgendeinen Wandel zu glauben. Unsere Zivilgesellschaft wird massiv unterdrückt. Fast alle Aktivitäten sind verboten. Auch internationale Organisationen dürfen in Marokko kaum mehr arbeiten.

Vor drei Jahren habe ich mit Freunden Mamfaknich gegründet, eine NGO für digitale Sicherheit. Unsere Webseite mit Beiträgen von Bürgerjournalisten wurde während und nach der Revolution zu einer wichtigen Nachrichtenquelle. Wir diskutieren hier Themen, die nicht in den offiziellen Berichten auftauchen, Zensur, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Schutz der Privatsphäre. So etwas hat es in Marokko bisher nicht gegeben, und deshalb ist die Regierung nervös. Bis heute hat sie uns keine offizielle Genehmigung erteilt.

Vielleicht ist es die falsche Zeit für eine solche Arbeit, denn es wird immer schwieriger, sich frei zu äußern.