"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was verzählen", hat Matthias Claudius einst gedichtet. Der Volksmund macht daraus gern: "Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben." Zwei Reisende der letzten Woche können beides bestätigen – Horst Seehofer, der Besucher des autoritären Kremlmachthabers Putin und Frank-Walter Steinmeier, der in der saudi-arabischen Religionsdiktatur das Janadriyah-Kulturfestival eröffnete. Sie haben etwas zu erzählen, und sie konnten was erleben – Spott und Häme nämlich, Kritik und Schelte. Unnötige Alleingänge seien das gewesen, beschämende Huldigungen vor Gewaltherrschern.

Machen wir’s halblang. Beide Reisen, die Seehofers zu Putin und jene Steinmeiers zu dem saudischen Ölkönig, mögen nicht in das Weltbild von Idealisten, Putin-Nichtverstehern und Gegnern des saudischen Wahabismus, dem geistigen Urheber des Dschihad-Terrorismus, hineinpassen. Doch entsprechen sie dem Gebot der Realpolitik: nicht vor lauter Gesinnungsethik die Verantwortungsethik an den Rand zu schieben, sondern mit aller Kraft zu versuchen, die Welt zum Besseren zu wenden; es beim Rechthaben nicht zu belassen, sondern die Lösung konkreter Probleme zu bewirken.

Über Seehofer wird sich vor allem aufgeregt, weil er sich derzeit in der Flüchtlingskrise höchst ostentativ zum Hauptwidersacher der Bundeskanzlerin aufwirft. Ohne diese Krise wäre sein Besuch in Putins Pracht-Datscha Nowo-Ogarjowo so wenig kritisch aufgenommen worden wie vor drei Jahrzehnten der Besuch des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, der sogar sein Flugzeug selbst in Leonid Breschnews Moskau fliegen durfte. So aber haben viele Seehofers Abstecher bloß als einen weiteren Akt der Unsolidarität, eine weitere Herausforderung der Berliner Regierungschefin ausgelegt.

"Das kannst Du ruhig machen"

Weit gefehlt jedoch. Die Reise war mit Angela Merkel sorgfältig abgestimmt ("Das kannst Du ruhig machen"), desgleichen mit dem Außenminister und den führenden Außenpolitikern der CDU. Und Seehofer hat sich in puncto Sanktionen auch keineswegs verbogen. "Die Sanktionen der EU sind eine Reaktion auf die Handlungen in der Ukraine", sagte er. Zugleich aber wolle er einen Beitrag leisten, um in schwierigem politischen Umfeld wieder ein Stück Vertrauen und Normalität herzustellen. Die Sanktionen schadeten sowohl der bayerischen als auch der russischen Wirtschaft. Deswegen erstrebe er "Veränderungen in überschaubarer Zeit"; "in Schritten oder in einem Schritt" müsse man von den Strafmaßnahmen wegkommen.

Und damit hat Seehofer völlig Recht. Die EU hat die Wirtschaftssanktionen im Dezember erst noch einmal um ein halbes Jahr verlängert. Der Grund: Die Vorbedingungen des Minsker Abkommens müssten erst vollständig erfüllt sein: umfassende Waffenruhe, Abzug schwerer Waffen und fremder Kämpfer, Wiederherstellung der ukrainisch-russischen Grenze, eine dezentralisierende Verfassungsreform in der Ukraine, die dem Donbass ein Stück innerer Autonomie bringt.

Die aktuelle Lage in der Ukraine umreißt das Auswärtige Amt sehr nüchtern: "Die Situation ist bei Weitem nicht perfekt. Doch verglichen mit der Lage im vergangenen Sommer, als wir beinahe in einen offenen Krieg trieben, stehen die Ukraine und ganz Europa heute viel besser da. Der Minsk-Prozess hat zu einer bemerkenswerten Verringerung der Gewalthandlungen und der Verluste geführt. Zweifelsohne liegt noch viel Arbeit vor uns. Die häufigen Waffenstillstandsverletzungen müssen aufhören. Jeder Schuss, der abgegeben wird, ist einer zu viel. Zugleich bleiben die Verfassungsreform und die Ausarbeitung eines Sonderstatus für bestimmte Gebiete der Ostukraine entscheidend für die friedliche Beilegung des Konflikts."

An dieser Formulierung fällt vor allem eins auf: keine besondere Schuldzuweisung an Putin, vielmehr die Einsicht, dass auch die zerstrittene, korrupte, oligarchenhörige ukrainische Regierung bisher die Minsker Bedingungen nicht erfüllt hat.