Proteste in Melbourne gegen das Urteil des Obersten Gerichtshofs, Asylbewerber auf Inseln abzuschieben © Chris Hopkins/Getty Images

Lange hielt sich die Aufregung in Australien in Grenzen. Die Flüchtlingskrise schien für die Australier gar keine Krise zu sein. Die Schicksale der Flüchtlinge waren nicht präsent. Es gab keine Bilder von hungernden Menschen an Grenzen, von frierenden Menschen in überfüllten Aufnahmezentren auf australischem Boden. Schließlich erreichen die Flüchtlingsboote in Australien gar nicht erst das Land. Sie werden mitten auf dem Meer weggeschickt. Diese Politik ist den Australiern seit Jahren bekannt. Protest regte sich kaum. Die Angst, von Flüchtlingen überrannt zu werden, war schließlich groß. Jedes Mittel schien recht, wenn es dazu diente, die Zahl der Bootsflüchtlinge zu verringern. Noch im September vergangenen Jahres unterstützte eine Mehrheit der Australier die restriktive Flüchtlingspolitik ihrer Regierung.  

Doch jetzt bekommt die Flüchtlingskrise in Australien Gesichter. Die Gesichter von 37 Babys und 54 Kindern, die das Land verlassen müssen. Vergangene Woche urteilte der Oberste Gerichtshof in Australien, die Regierung dürfe Asylbewerber weiterhin in Flüchtlingslager auf Pazifikinseln abschieben. Überraschend kam das Urteil nicht. Seit Jahren betreibt Australien auf dem Inselstaat Nauru und auf der zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel Manus Internierungslager für Bootsflüchtlinge. Doch ganz so einfach hat es die Regierung mit ihrer Politik der Härte dieses Mal nicht. In Australien hat der politische und gesellschaftliche Konsens in der Flüchtlingspolitik erstmals deutliche Risse bekommen.

Das Urteil betrifft auch 267 Asylbewerber, die mit ihren Familien in den vergangenen Monaten auf dem australischen Festland medizinisch behandelt wurden. Sie werden wohl bald Rückflugtickets kaufen müssen. Unter den Flüchtlingen sind 37 Babys, die in Australien geboren wurden. Außerdem 54 Kinder, die zum Teil Schüler in australischen Schulen sind. Selbst die konservative Zeitung Daily Telegraph, die sich sonst nicht mit Kritik an der konservativen Regierung hervortut, titelte am Tag nach dem Urteil zynisch "Schickt die Kinder weg". Eine Anspielung auf die australische Grenzpolitik, die unter dem Motto "Schickt die Boote weg" bekannt ist.

Schwer traumatisierte Kinder

Wegschauen ist seither schwieriger geworden. Vor allem weil Flüchtlingsbabys von allen Titelseiten des Landes herunterlächeln und Kinderärzte ihre künftige Heimat als "giftige Umgebung" für Kinder bezeichnen. Einer Studie der angesehenen australischen Menschenrechtskommission zufolge sind fast alle Kinder in den Lagern auf Nauru schwer traumatisiert. Es sei undenkbar, Kinder dorthin zurückzuschicken, warnten die Verfasser der Studie.

Gegner der Flüchtlingspolitik gab es schon lange. Doch spüren sie gerade im ganzen Land Aufwind. Kirchen haben angekündigt, den Flüchtlingen im Fall einer Abschiebung Kirchenasyl zu gewähren. Auch der Protest auf der Straße wächst. Demonstrationen ziehen momentan Tausende Menschen an, vor allem junge Familien. "Ich bin mit der momentanen Politik überhaupt nicht einverstanden, sie ist absolut unaustralisch", empörte sich zum Beispiel Amanda Sapienza bei einer der Kundgebung in Sydney am Montag. Ihr Mann und ihre drei Kinder im Alter von neun, sechs und zwei Jahren, hielten neben ihr Plakate mit dem Slogan "Let them Stay" in die Höhe. "Es reicht. Wir müssen endlich unser Mitgefühl wiederfinden", sagte Sapienza.

Abgefangen auf dem Meer

Die australische Flüchtlingspolitik ist berüchtigt für ihre Unerbittlichkeit: Flüchtlinge, die auf Booten versuchen, Australien zu erreichen, werden auf dem Meer abgefangen, direkt dahin zurückgeschickt, von wo sie aufgebrochen sind, oder auf Nauru und Manus, Tausende Kilometer vom australischen Festland entfernt, interniert. Dort hausen manche Menschen schon seit Jahren in Baracken, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Denn selbst wenn ihr Flüchtlingsstatus anerkannt wird, dürfen sie nicht nach Australien einreisen. Woher all die 267 betroffenen Asylbewerber stammen, ist offiziell nicht bekannt. Informationen über Flüchtlinge hält die australische Regierung generell lieber unter Verschluss.

Menschenrechtsgruppen und die UN verurteilen mit erschütternder Regelmäßigkeit die menschenrechtswidrigen Bedingungen der Flüchtlinge in den Lagern. Dort kommen offenbar Selbstverletzungen, Selbstmord und sexuelle Übergriffe häufig vor.