ZEIT ONLINE: Herr Miliband, Sie kommen gerade von einem Treffen mit George Clooney und Kanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt. Worüber haben Sie gesprochen?

David Miliband: George Clooney ist wegen der Berlinale in Berlin und fand es falsch, so zu tun, als gäbe es nicht eine globale Flüchtlingskrise, in der Deutschland eine entscheidende Rolle spielt. Deshalb hat er Flüchtlinge hier getroffen und die deutsche Kanzlerin. Mit ihr haben wir über die Situation in Deutschland, Europa und dem Nahen Osten gesprochen. Clooney wollte von Merkel wissen, wie andere Länder helfen können, weil Deutschland bislang einen Großteil der Last in der Flüchtlingskrise trägt.

ZEIT ONLINE: Was hat die Kanzlerin geantwortet?

Miliband: Zum Ersten hat sie die bedeutende Welle der Unterstützung Ehrenamtlicher hervorgehoben. Es komme nicht nur auf die Regierungen und ihre Politik an. Zum Zweiten ist die Flüchtlingskrise ein globales Problem, Merkel hat die Notwendigkeit einer globalen Antwort betont. Eine deutsche und europäische allein genügt eben nicht. Clooney ist der festen Überzeugung, dass die USA mehr tun müssen, etwa durch mehr Unterstützung für internationale Hilfsorganisationen und politisches Engagement im Nahen Osten. Aber natürlich auch, indem sie mehr Flüchtlinge aufnehmen. Die Zahl ist bislang sehr gering. Auch meine Organisation, das International Rescue Committee, wurde von einem Flüchtling gegründet; einem sehr außergewöhnlichen, der aus Deutschland kam: Albert Einstein. Er wollte Flüchtlingen in Europa helfen.

ZEIT ONLINE: Angela Merkel steht mit ihrer Politik der Willkommenskultur selbst unter großem politischen Druck. Wie bewerten Sie die Rolle der Kanzlerin?

Miliband: Merkel hat echten Mut und echte Führung bewiesen. Zudem hat sie die Realität erkannt: Europa und der Nahe Osten sind nicht voneinander zu trennen, es ist die direkte Nachbarregion für Europa. Alles, was den Nahen Osten betrifft, wird auch zu einem europäischen Problem. Das hat Merkel erkannt und deshalb muss man ihren Kurs unterstützen. Dazu gehört eine stärkere Solidarität der europäischen Länder, auch von meinem eigenen.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es jenseits der Regierungen nicht eine größere Solidarität von gesellschaftlichen Bewegungen und Organisationen?

Miliband: Darüber haben wir auch mit Merkel gesprochen: Wir erleben gerade eine Zeit der Innenpolitik, nicht des Internationalismus. Sogar einige Isolationisten gibt es. Auf jeden Fall verlangen die Menschen gerade, zuerst die lokalen und dann die globalen Probleme zu lösen. Dabei lassen sich die lokalen Probleme ohne die internationalen nur sehr schwer lösen. Was die Flüchtlinge betrifft, wollen die Wähler einerseits Mitgefühl, aber auch Kompetenz der Politik. Das ist die Herausforderung für die Europäische Union: Sie muss nicht nur ein großes Herz zeigen, sondern auch einen klaren Verstand. Deshalb muss die Registrierung und Verteilung von Flüchtlingen in Europa funktionieren. Denn die Frage ist nicht, ob sie zu uns kommen; die Frage ist, ob sie unter chaotischen Umständen und Lebensgefahr nach Europa kommen oder ob wir ihnen legale Wege öffnen, die wir kontrollieren können. 

ZEIT ONLINE: Ist dafür das Abkommen mit der Türkei ein richtiger Schritt?

Miliband: Es ist ein wichtiger Start. Als Außenminister habe ich die Annäherung zwischen der EU und der Türkei unterstützt, aber in den vergangenen Jahren haben sich beide voneinander entfernt. Dafür zahlen wir nun den Preis.

ZEIT ONLINE: Eine Annäherung gab es zwischen den USA, Russland und weiteren Ländern, die sich auf eine baldige Waffenruhe in Syrien geeinigt haben. Was halten Sie von diesem Abkommen?

Miliband: Wenn Sie eine dringende humanitäre Operation brauchen, wollen Sie nicht warten, bis das Abkommen möglicherweise in einer Woche in Kraft tritt. Die Leben von Menschen sind jetzt in Gefahr, sie können bis dahin tot sein. Zum anderen gibt es eine lange Reihe von Abkommen, die nie umgesetzt wurden. In Deutschland wird man dabei an die Ukraine-Krise denken, in der die Versprechen nur auf dem Papier gegeben wurden. Drittens kommt es auf die Details an: Nicht alle Akteure in Syrien sind an dem Abkommen beteiligt.