Sollte Frankreich Angela Merkel auf dem EU-Gipfel in Brüssel tatsächlich auflaufen lassen? Ungerührt dabei zuschauen, wie die deutsche Bundeskanzlerin im Streit um die Flüchtlingspolitik eine brutale Abfuhr erleidet?

Vorstellen kann man sich das nicht so recht. Bisher haben Deutsche und Franzosen noch immer eine rettende Formel gefunden, notfalls einen kleinen, schäbigen Kompromiss, mit dem man das Bild von der deutsch-französischen Partnerschaft retten konnte.

Vermutlich wird es auch diesmal so sein. Ein Krach auf offener Bühne würde Europa in eine tiefe, fast existenzielle Krise stürzen.

Schon die Ankündigung des französischen Premierministers Manuel Valls am vergangenen Wochenende bei der Münchner Sicherheitskonferenz, sein Land werde in diesem Jahr nur 30.000 Flüchtlinge aufnehmen und keinen mehr, hat die Bundesregierung geschockt. Mehr jedenfalls als die Erklärung der Visegrád-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei, die Tore gegen muslimische Flüchtlinge fest zu verrammeln. Vom neuen "Ostblock" hatte man nichts anderes erwartet.

Auch wenn sich Frankreich also am Ende wohl zu der kleinen Schar von EU-Staaten gesellen wird, die Angela Merkel helfen, den Anschein einer "europäischen Lösung" zu wahren, eins ist klar: Die beiden großen Führungsnationen setzen ihre Prioritäten derzeit komplett anders. Für die Regierung in Paris steht der Kampf gegen den dschihadistischen Terror an erster Stelle. Die Bundesregierung dagegen spannt alle Kräfte an, um die Million Flüchtlinge, die ins Land gekommen ist, ordentlich zu versorgen und langfristig zu integrieren.

"Wir sind im Krieg"

Geradezu beschwörend hat Manuel Valls in München vor den Gefahren eines neuen "Hyperterrorismus" gewarnt: "Es wird weitere Anschläge geben, große Anschläge." Von einem Feind sprach der französische Premier, mit dem keine Diskussion möglich sei. "Man muss ihn bekämpfen bis zu seiner Ausrottung!" 

Schon Staatspräsident François Hollande hatte nach den Anschlägen von Paris im November unmissverständlich verkündet: "Wir sind im Krieg." Kaum ein Politiker in Berlin würde das so sagen. Man würde dort vom Kampf gegen den internationalen Terrorismus sprechen. Das Wort Krieg nimmt man in Deutschland nicht so schnell in den Mund.

Doch auch hierzulande sind die Sicherheitsbehörden auf das Höchste alarmiert. Mit einem Terroranschlag wird jederzeit gerechnet. Deutschland ist nach der Bewertung des Bundeskriminalamts und der Bundesregierung genauso gefährdet wie Frankreich. Nur Wachsamkeit und eine große Portion Glück hätten einen Anschlag bisher verhindert.

Wie würde sich die Stimmung verändern, käme es tatsächlich zu einer Bluttat auf deutschem Boden? Würde dann auch die Bundesregierung den Krieg gegen den Terror ausrufen? Auf alle Fälle könnten sich sehr schnell die Prioritäten ändern, könnte man auch bei uns die Bekämpfung des Terrorismus für wichtiger halten als die Aufnahme von Flüchtlingen.

Glücklicherweise tragen die Verantwortlichen bisher nicht zu einer Hysterisierung der Debatte bei, die leicht möglich ist, wenn man beide Themen – Flüchtlinge und Terror – miteinander vermischt. Einer, der in der Bundesregierung die Gefährdungslage am besten einschätzen kann, sagt: "Die Gefahr wäre genauso hoch, wenn wir keine Migrationswelle hätten. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun." Und fügt hinzu: "Dass das von unseren anderen Kunden, den Rechtsextremisten und Rechtspopulisten genutzt wird, das wiederum steht auf einem anderen Blatt."

Genau dies, die Angst vor dem Populismus des Front National, lässt die sozialistische Regierung in Paris die Brücken hochziehen. Wer würde das nicht verstehen? Eine Hilfe auf der Suche nach einer europäischen Lösung ist diese Abschottungspolitik allerdings nicht.

An der Notwendigkeit, zwischen Paris und Berlin einen vernünftigen Ausgleich der Interessen zu finden, kann es keinen Zweifel geben. Jedermann weiß, dass wir einander brauchen – im Kampf gegen den Terror, bei der Lösung der Flüchtlingskrise und, am wichtigsten, beim Zusammenhalt Europas. Denn wenn Frankreich und Deutschland nicht zusammenstehen, fliegt uns dieser Kontinent, das größte Friedenswerk der Gegenwart, krachend um die Ohren.