In Diyarbakır trauern Menschen um den 16-jährigen Mahmut Bulak, der bei Protesten ermordet wurde. © Ilyas Akengin/AFP/Getty Images

Menife Bulak liegt im Gebetsraum und schreit: "Nein, nein! Nein, mein Sohn lebt!" Eine Frau, in deren Schoß Bulaks Kopf ruht, streichelt ihr über die Haare, versucht die Mutter zu beruhigen. Doch die atmet schwer, ihre Augen sind glasig, das Gesicht ist fahl. Sie nimmt die Verwandten, Freunde und Nachbarn, die hier ins staatliche Krankenhaus nach Diyarbakır gekommen sind, um ihr beizustehen, nicht wahr. Sie hat ihr eigenes Kind überlebt – diese Katastrophe ist noch nicht zu ihr vorgedrungen.

Ihr Sohn Mahmut Bulak wurde am Dienstagmittag auf der Straße in der Kurdenmetropole tödlich getroffen. Wer ihn erschossen hat, ist zu diesem Zeitpunkt unklar. Die regierungskritische Tageszeitung Cumhuriyet berichtete, dass der 16-Jährige von einer Kugel im Hinterkopf getroffen wurde. Für die Kurden in Diyarbakır ist der türkische Staat der Mörder – für Ankara ist der Junge dagegen ein Terrorist, weil er an einem Protest gegen die Regierung teilgenommen hat.

Schießereien und Wasserwerfer in Diyarbakır

Der Jugendliche protestierte mit Tausenden Demonstranten an diesem Tag gegen die Katastrophe in der Stadt Cizre. Dort waren unterschiedlichen Angaben zufolge in der Nacht auf Montag zwischen zehn und 60 Menschen in einem Wohnhaus durch Militärangriffe umgekommen. Der Staatssender TRT berichtete, dies seien Kämpfer der verbotenen Terrororganisation PKK gewesen. Die kurdische Seite bezeichnet den Vorfall dagegen als "Cizre-Massaker". Drei Tage, so hat Ankara es verordnet, müssen nun die Geschäfte in den Kurdengebieten geschlossen bleiben. In Diyarbakır liefern sich momentan vor allem junge Männer Gefechte mit Sicherheitskräften. Überall in der Stadt sind Wasserwerfer unterwegs. Aus fahrenden Polizeiautos wird mit Gaskartuschen auf Demonstranten gezielt.

Im Keller des Krankenhauses liegt Abfall auf dem Boden, ein trostloser Ort, der durch die Schreie von Mahmuts Vater Ferhat noch trauriger erscheint. Der Mann ist gerade angekommen, er will in den Raum, in dem sein Sohn aufgebahrt wird. Doch noch wird niemand zu der Leiche vorgelassen, Männer müssen den Vater von der Tür wegzerren. "Nein, mein Sohn ist zu Hause", schreit er. Er windet sich, will aus den Klammergriffen heraus. Doch er wird gewaltsam festgehalten.

Auf dem Gang sitzt Mahmuts Tante Newroz, auch sie schreit sich den Kummer von der Seele. "Warum! Warum musste Mahmut sterben!" Auch sie wird von Frauen in den Arm genommen und gestreichelt, doch sie lässt sich nicht beruhigen. Sie wiegt ihren Oberkörper hin und her, sie brüllt. Eine Frau versucht auf sie einzureden: "Du musst stark sein. Wir alle haben Märtyrer in der Familie. Schon seit Monaten wird hier gemordet. Denk daran, was in Cizre passiert ist." Es sind extrem traurige Szenen, die sich in den lichtarmen Gängen abspielen. Sie gehören inzwischen zum Alltag im Südosten der Türkei.

Soldaten werden zu "Märtyrern"

Schon seit August verhängen die Behörden immer wieder Ausgangssperren im kurdischen Südosten des Landes. In dem Bezirk Sur in Diyarbakır gilt seit dem 2. Dezember eine solche Sperre, in den nahe liegenden Städten Cizre und Silopi seit dem 14. Dezember. Dort geht die Armee mit Panzern gegen Anhänger der PKK-Jugendorganisation YDG-H vor, die bewaffneten Widerstand leisten. Laut Armeeangaben sind seit August schon rund 600 PKK-Mitglieder "neutralisiert" worden, 22 Soldaten seien gefallen. Die türkische Menschenrechtsstiftung Türkiye İnsan Hakları Vakfı (TİHV) hingegen zählt 200 getötete Soldaten und 400 tote Rebellen. Zudem seien schon rund 220 Zivilisten gestorben.

In den regierungstreuen Medien werden die toten Sicherheitskräfte als "Märtyrer" gehuldigt, über ermordete Zivilisten wie Mahmut hingegen wird nicht berichtetet. Aber auch die PKK instrumentalisiert die Toten für ihre eigene Propaganda – so verbreiten beide Seiten Lügen. Unabhängige Berichterstattung aus der Region ist kaum möglich, denn Journalisten werden hier kaum geduldet. Erst am Dienstag reisten türkische Journalisten aus Istanbul nach Diyarbakır, um sich mit ihren drangsalierten Kollegen dort zu solidarisieren.