Die Kandidatur Donald J. Trumps als Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird immer wahrscheinlicher. Drei der ersten vier Vorwahlen hat er klar gewonnen. Seit Monaten führt er die Umfragen an. Selbst in Florida, dem Heimatstaat von Marco Rubio, seinem ernsthaftesten Konkurrenten, sehen ihn die Demoskopen vorn. Und auch morgen, am sogenannten Super Tuesday, wenn in dreizehn Bundesstaaten abgestimmt wird, wird er voraussichtlich die meisten Stimmen kriegen. Trumps Aufstieg mag einmal aufhaltbar gewesen sein – mittlerweile ist er es wohl nicht mehr.

Wird er aber deshalb im Herbst auch zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt? Obwohl Trump eine erschreckend große und enthusiastische Anhängerschaft hat, halten viele Amerikaner wenig von ihm. Wenn alles normal läuft, sollte eine moderate Kandidatin wie Hillary Clinton ihn klar schlagen. Aber normal läuft in diesem Jahr bisher wenig. Und die known unknowns – die bekannten Risiken, die Demokraten umschiffen müssen, um eine Katastrophe abzuwenden – sind beträchtlich. Was, falls die Wirtschaft im Herbst stark abflaut? Oder falls Clinton aufgrund einer ihrer Skandale angeklagt wird? Oder falls der demokratische Präsidentschaftskandidat doch Bernie Sanders heißt – und von den Republikanern als gottloser Sozialist verteufelt wird?

Nein, wahrscheinlich ist es immer noch nicht, dass der Präsident der Vereinigten Staaten bald Donald Trump heißen wird. Die Wettmärkte geben ihm momentan eine Chance um die 25 Prozent, und liegen mit dieser Einschätzung wohl nicht ganz falsch. Aber ausgeschlossen ist der größte anzunehmende Unfall des politischen Systems, wie es viele sehen, nicht mehr. Es ist also an der Zeit, darüber nachzudenken, was ein Präsident Trump bedeuten würde – für Amerika, für Europa, und für die Welt.

Einfache Antworten gibt es auf diese Frage nicht. Trump klopft zwar ständig Sprüche, doch inhaltlich sagt er erstaunlich wenig. Seine politischen Stellungnahmen sind vage – manchmal aus Strategie, oft aus Unwissen. Während Clinton oder Rubio auf ihren Websites zu vielen Themen im Detail Stellung beziehen, beschränkt Trumps öffentlicher Wahlkampfauftritt sich auf fünf knapp angerissene Themen. Er verspricht, gegen das Handelsdefizit mit China anzugehen, die Zahl der Einwanderer im Land zu verkleinern, Veteranen besser zu versorgen und Steuern zu senken. Über andere Themen, vom Strafrecht bis zu Syrien, verliert er in seinem Wahlprogramm kein Wort.

Trumps wahrscheinliches Vorgehen als Präsident kann also nur aus vereinzelten Stellungsnahmen abgeleitet werden. Diese wandeln sich aber je nach Stimmungslage von Tag zu Tag, und sie sind ideologisch eher kunterbunt zu nennen als konsistent. So griff Trump seine Rivalen bei der letzten innerrepublikanischen Debatte wiederholt von links an: Im Unterschied zu Ted Cruz sehe er den Staat in der Pflicht, Menschen ohne Krankenversicherung nicht auf der Straße sterben zu lassen. Und anders als seine Hauptkonkurrenten wolle er es manchen Abgeschobenen erlauben, auf legalem Wege in die USA zurückzukehren.

Wenn man Trumps Aussagen genauer anschaut, kommt man zu einem überraschenden Schluss: In einigen Punkten dürfte seine Politik in Deutschland gar nicht so schlecht ankommen. Vom Freihandel hält Trump zum Beispiel wenig. Gegen das geplante transpazifische Handelsabkommen wettert er bei seinen Auftritten deshalb regelmäßig. Und auch das angestrebte Abkommen zwischen der EU und den USA (TTIP) würde er als Präsident wahrscheinlich ablehnen – und per Veto stoppen. Hunderttausende Wut- und Ökobürger, die vergangenen Herbst in Berlin gegen Genmais und Chlorhühnchen auf die Straßen gingen, müssten einem Präsident Trump zu ihrer eigenen Überraschung dankbar sein.

Auch in der Außenpolitik könnten viele Deutsche Trump durchaus etwas abgewinnen. Denn er mag sich zwar damit brüsten, amerikanische Interessen wenn nötig mit brutalen Methoden – von der Folter bis zum Flächenbombardement – durchzusetzen. Aber gleichzeitig ist er viel isolationistischer eingestellt als das politische Establishment, von seinen republikanischen Konkurrenten bis hin zu Hillary Clinton. Die Weltpolizei will er anders als George W. Bush nicht spielen. Und statt auf militärische Interventionen zu setzen, verspricht Trump, Probleme durch Verhandlungsgeschick zu lösen. Teure militärische Abenteuer in Syrien oder anderen Teilen des Nahen Osten lehnt er – wie Präsident Barack Obama – ab. Stattdessen würde er ohne große Skrupel mit Wladimir Putin, den er bei jeder Gelegenheit lobt, gemeinsame Sache machen. Assads Chancen, in Syrien an der Macht zu bleiben, würden unter Trump deshalb sprunghaft steigen. Ein großer Teil der Deutschen könnte sich mit dem Machtverbleib eines brutalen Diktators wohl anfreunden, wenn dafür weniger Flüchtlinge nach Europa kämen.