In manchen Epochen geht der politische Wandel in schleichendem Tempo vor sich. Könige sterben, oder Wahlen werden gewonnen, aber im Grundsatz scheint die Welt unverändert. Das 9. Jahrhundert war so eine Zeit. Die Ära der Heiligen Allianz. Oder auch die neunziger Jahre.

Wie schnell sich die Welt dagegen in den vergangenen Jahren zu verändern scheint, das bemerke ich schon, wenn ich zu einer Dinnerparty eingeladen bin. Ich schreibe nämlich gerade ein Buch zur Krise der liberalen Demokratie. Noch vor ein paar Jahren schauten mich Leute, denen ich davon berichtete, schräg an. Viele von ihnen hielten mich augenscheinlich für einen Schwarzmaler, manche gar für einen Spinner. "Echt, du glaubst, die Demokratie ist in Gefahr?", fragten sie erstaunt und konnten sich ein spöttisches Lächeln dabei nicht verkneifen.

Seit ein paar Monaten haben sich die Reaktionen merklich gewandelt. "Ja, was gerade abgeht, ist echt zum Verzweifeln", sagte mir eine junge Dame vergangene Woche bei einem Abendessen in New York. "Dann schreib mal schnell", pflichtete ihr ein älterer Herr bei. "Bis du fertig bist, ist von unserer Demokratie nicht mehr viel übrig."

Der unmittelbare Grund für diesen Stimmungswandel ist natürlich – wer sonst – Donald Trump. Als er im Juni vergangenen Jahres bekannt gab, als Präsidentschaftskandidat antreten zu wollen, erschien das den meisten Beobachtern wie ein köstliches Kuriosum. Die Huffington Post kündigte an, über die aussichtslose Kampagne ausschließlich in ihrem Unterhaltungsteil berichten zu wollen. Jon Stewart, ein berühmter Fernsehmoderator, bedankte sich bei Trump gar für das komödiantische Geschenk.

Aber so lustig viele Amerikaner Trumps politische Ambitionen zunächst fanden, so schnell ist ihnen das Lachen im Halse stecken geblieben. Denn zu seinen Reden kommen seit Monaten zigtausende Anhänger. Die Umfragen sehen ihn kontinuierlich in der Poleposition. Selbst auf den Wettmärkten war er zwischenzeitlich der Favorit. Sicher: Bis zur Nominierung als republikanischer Präsidentschaftsbewerber ist es, gerade nach seinem Rückschlag bei der ersten Vorwahl in Iowa, noch ein weiter Weg – vom Weißen Haus ganz zu schweigen.

US-Wahl - Trump vor Vorwahlen in New Hampshire selbstbewusst Die Niederlage bei der ersten Vorwahl in Iowa lässt ihn offenbar unbeeindruckt: Der Republikaner Donald Trump glaubt an seinen Sieg in New Hampshire – auch Umfragen sehen ihn vor.

Aber eines bleibt auch dann noch richtig, wenn Trumps Kandidatur in den nächsten Wochen endlich in die Kuriositätenkiste der Geschichte verschwinden sollte: Ein beträchtlicher Teil der amerikanischen Bevölkerung begeistert sich für seine Demagogie. Warum nur?

Trumps Erfolg hat zwei Gründe. Erstens schürt er gekonnt Angst: Angst vor Terrorismus, Angst vor Einwanderung und auch die Angst vor dem sozialen Abstieg. Dass diese Angst so viele Menschen mobilisiert, hat viel mit echten Versäumnissen der etablierten Politik zu tun. Der islamistische Terrorismus hat vor ein paar Monaten in San Bernardino auch die USA heimgesucht. Die Einwanderung, gerade aus Zentralamerika, wirkt sich zwar positiv auf das Bruttoinlandsprodukt aus, senkt die Löhne von minderqualifizierten Einheimischen aber tatsächlich. Und obwohl Trump die wirtschaftliche Gefahr, die von China ausgeht, maßlos übertreibt, fürchten viele Amerikaner den sozialen Abstieg aus gutem Grund: laut dem U.S. Census Bureau stagniert das Einkommen des durchschnittlichen Amerikaners seit etwa 30 Jahren. Kein Wunder also, dass die Angst vor der Zukunft für einen zynischen Populisten wie Trump reichlich Nährboden liefert.

Zweitens ist Trump auch deshalb so beliebt, weil das Grundvertrauen in die politischen Institutionen so niedrig ist wie noch nie. Auch in guten Zeiten vertrauen Wähler den meisten Politikern nur bedingt. Aber in einem System, das gut funktioniert, identifizieren sie sich zumindest mit einer Partei oder einem Politiker. "Die da oben machen eh, was sie wollen", sagen sie. "Aber Kennedy (oder Nixon oder Reagan oder Clinton), auf den ist Verlass!" Heute dagegen halten viele Wähler alle etablierten Politiker für korrupt. Wenn Politprofis wie Jeb Bush oder Hillary Clinton trotzdem versuchen, ehrlich zu wirken, werten sie dies nur als Beweis einer noch größeren Sünde: der Heuchelei.

Es geht nur noch um Stil, Image und Unterhaltungswert

Ein Heuchler ist Trump, trotz all seiner Lügen, aber tatsächlich nicht. Im Gegenteil versucht dieser Egomane kaum zu verhüllen, dass es Trump im Endeffekt immer in erster Linie um Trump geht. Diese Dreistigkeit kommt gut an. So behauptete Hillary Clinton wenig überzeugend, sie sei auf Trumps Hochzeit gegangen, weil sie einfach Lust dazu hatte. Trump dagegen gab offen zu, warum er sie eingeladen hatte: als Geschäftsmann hoffte er, auf sie politischen Einfluss zu nehmen.

In einer Welt, in der viele Wähler jede politische Aussage für heiße Luft halten, bleibt als Auswahlkriterium nur noch Stil, Image und Unterhaltungswert übrig. Und in diesen Bereichen ist der durch das Realitätsfernsehen berühmt gewordene Trump ein Meister. Das macht ihn nicht etwa zu einem einzigartigen Phänomen – sondern zum Vorreiter eines Politikstils, an den wir uns in Zeiten von Bürgerwut und Medienskepsis bald werden gewöhnen müssen.

Noch sind die Amerikaner, die sich so sehr von der Politik abgewendet haben, dass sie das ganze System nur noch als Unterhaltungsfernsehen mit Wutablassventil begreifen, in der Minderheit. Doch ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Ob und wann der Trend gestoppt oder gar umgekehrt werden kann, wird die große Frage der kommenden Jahre.

Überall profitieren die Rechtspopulisten

Die amerikanische Präsidentschaftswahl ist ein einzigartiges Spektakel – und Charaktere wie Trump sind auf ihre Art einzigartig amerikanisch. Die Versuchung, Amerikas Wahlen als skurrilen Sonderfall zu sehen, ist deshalb immens. Aber das wäre ein großer Fehler. Denn welche Form die Wut gegen das politische System annimmt und wer den Volksaufstand gegen die Politikerkaste anführt, mag sich zwar von Land zu Land unterscheiden. Die Trends, die diese Wut nähren, gleichen sich aber in fast allen liberalen Demokratien – von Australien bis Schweden und von Frankreich bis Griechenland.

In all diesen Ländern haben Wähler immer mehr Angst vor der Zukunft, immer weniger Vertrauen in ihre politischen Institutionen und immer mehr Hass auf Einwanderer. Und in all diesen Ländern profitieren davon in erster Linie die Rechtspopulisten. Trump ist letztlich nichts weiter als der amerikanische Le Pen, Wilders, Orbán oder Erdoğan – eine Variation eines Themas also, das in der ganzen Welt seit einigen Jahren große Schlagzeilen macht.

Journalisten verorten die Gründe für politische Umwälzungen zumeist im Lokalen. Der Aufstieg von Trump erklärt sich demnach aus dem politischen Unwissen durchschnittlicher Amerikaner, der Aufstieg der griechischen Morgenröte aus der Eurokrise und der Aufstieg der AfD aus Merkels Flüchtlingspolitik. Ganz falsch liegen diese Erklärungsansätze nicht. Aber sie ignorieren einen einfachen Grundsatz: Wenn sich viele verschiedene Länder ähnlich entwickeln, dann hat das wahrscheinlich recht ähnliche Gründe.

Vielleicht erfindet sich die Demokratie gerade neu

Diese Gründe sind langfristiger, internationaler und auch radikaler als die Erklärungen, die in der öffentlichen Debatte bisher den Ton angeben. Jahrzehntelang war die liberale Demokratie einigermaßen in Balance. Warum das so war, wissen auch Politikwissenschaftler nicht wirklich – aber es kann kaum ein Zufall sein, dass die Jahre der stabilen Demokratien auch die Jahre eines historisch einzigartigen Wirtschaftswachstums waren. Seit zehn oder 15 Jahren dagegen gerät die liberale Demokratie immer mehr aus der Balance. Egal wo man hinschaut, wenden die Menschen sich von den politischen Institutionen ab und lassen die Populisten erstarken.

Es ist zu früh, um mit Sicherheit vorherzusagen, worauf die Krise der Demokratie hinausläuft. Vielleicht erfindet sich die Demokratie gerade neu und löst ihre überfälligen Versprechen endlich ein. Oder vielleicht stehen wir am Anfang einer neuen Ära von Gewalt und Diktatur. So oder so ist eines jetzt schon klar: Nach Jahren der Stagnation verändert sich unsere politische Welt rasant. Die Krise der Demokratie gewinnt an Geschwindigkeit – selbst wenn sich Donald Trump am Ende nur als schillernder Nebendarsteller herausstellen sollte.

US-Vorwahlen - Sanders und Trump gewinnen in New Hampshire Die Überraschung dieser Vorwahl ist das starke Ergebnis des Senators Bernie Sanders, der nun deutlich vor Hillary Clinton liegt. Bei den Republikanern hat sich Donald Trump die meisten Stimmen gesichert.